Braunschweiger Köpfe: George Westermann

Ihm verdanken Millionen Schüler den Diercke Weltatlas: George Westermann war einer der einflussreichsten Verleger des 19. Jahrhunderts und brachte neben Bildungsliteratur auch Charles Dickens, Wilhelm Raabe und Theodor Fontane groß heraus. Der Urvater der Westermann Druck- und Verlagsgruppe legte in Braunschweig den Grundstein für das heute fünftgrößte Verlagshaus Deutschlands.

Am 23. Februar 1810 wurde Georg Westermann (noch ohne zweites „e“ im Vornamen) als Sohn eines Goldschmieds in Leipzig geboren. Nach dem Abitur ging er 1827 nach Braunschweig, um in der Schulbuchhandlung des renommierten Verlegers Friedrich Vieweg eine Ausbildung zu beginnen. Dort lernte er auch seine zukünftige Frau Blanca Vieweg kennen. Ein weiterer Schüler Viewegs in Braunschweig: Anton Philipp Reclam, späterer Verleger der bekannten Reclam-Hefte. Nach der Ausbildung begab sich Westermann auf Wanderschaft bis nach Königsberg, um in namhaften Buchhandlungen weitere Berufserfahrung zu sammeln. Es folgten kurzzeitige Beschäftigungen in Leipzig und Hamburg, bis ihn der Tod Friedrich Viewegs 1835 wieder nach Braunschweig holte. 1837 bereiste Westermann für einige Monate England und war vom Fortschritt der dortigen Industrialisierung sowie der Kultur des Königreichs so angetan, dass er seinen Vornamen offiziell zum englischen „George“ änderte.

Seine größte Leidenschaft war aber immer noch Blanca Vieweg, mit der eine Hochzeit jedoch ausgeschlossen war, so lange er keine wirtschaftliche Selbständigkeit vorweisen konnte. Und so war es wahrscheinlich die Liebe, die den Anstoß zu seinen unternehmerischen Erfolgen gab: Im Mai 1838 eröffnete Westermann seine gleichnamige Verlagsbuchhandlung im Vieweg-Haus am Burgplatz, das heute das Braunschweigische Landesmuseum beherbergt. Wenige Monate später konnte die Ehe mit Blanca Vieweg endlich geschlossen werden. Die zeitgleiche Entstehung des Deutschen Zollvereins mit dem Wegfall der innerdeutschen Grenzen und das im Zuge der Aufklärung zunehmende Bildungsinteresse der Bevölkerung bildeten ideale Rahmenbedingungen für seine verlegerische Tätigkeit.

Die Westermann Druckerei um 1890.

Die Westermann Druckerei um 1890.

Ein weiterer Glücksfall war Westermanns Freundschaft zum aufstrebenden Schriftsteller Charles Dickens, den er auf seiner Englandreise kennengelernt hatte, und dessen ins Deutsche übersetzte Werk zusammen mit anderen englischen Klassikern zu seinen ersten Veröffentlichungen gehörte. Der Erfolg stellte sich innerhalb weniger Jahre ein, und so stattete Westermann ab den 1840er Jahren seinen Verlag nach und nach mit einer Druckerei auf dem damals höchsten Stand der Technik sowie einer Buchbinderei aus. Den großen Durchbruch erzielte Westermann aber weniger im Bereich der klassischen Literatur, sondern im Bildungsbereich. Mit Schulbüchern für Geschichte und Geographie, Nachschlagewerken und Wörterbüchern, darunter viele Standardwerke, legte er den Grundstein für den bis heute andauernden Erfolg des Verlages mit Bildungsmedien.

So auch mit dem bekannten und bis heute weit verbreiteten Diercke Weltatlas. Bereits 1853 brachte Westermann erfolgreich einen „Schul-Atlas zum Unterricht in der Erdkunde“ heraus, der es bis zur Unterrichtsgrundlage beim Preußischen Kultusministerium schaffte. 1875 traf Westermann schließlich den Berliner Pädagogen und Kartographen Carl Diercke, der sein Mitarbeiter wurde und den Atlas weiterentwickelte. Der erste Diercke Weltatlas erschien 1883 und ist bis heute eines der erfolgreichsten Produkte des Verlages. Den ersten Erfolg des Werkes, das deutschlandweit Generationen von Schulkindern prägen sollte, erlebte sein Verleger jedoch nicht mehr: George Westermann starb am 7. September 1879 bei einem Aufenthalt in Wiesbaden, sein Grab befindet sich auf dem Braunschweiger Magnifriedhof.

 

Text: Stephen Dietl
Bilder: gemeinfrei

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