Braunschweiger Köpfe: Heinrich Büssing

Ihren Platz als eine der forschungsstärksten Regionen Europas verdankt das Braunschweiger Land nicht zuletzt der hiesigen Automobilindustrie und vielen mittelständischen Zulieferunternehmen mitsamt einer Vielzahl an Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen. Zusammen bieten sie mehr als 70.000 Menschen Arbeit und Wohlstand. Doch die Erfolgsgeschichte als verkehrstechnischer Innovationsstandort beginnt für die Löwenstadt nicht erst mit der Gründung der Volkswagen AG. Mit Heinrich Büssing betrat bereits dreißig Jahre zuvor ein Braunschweiger die automobile Bühne. Der ideenreiche Konstrukteur und passionierte Gründer war einer der bedeutendsten Pioniere des Omnibus- und Lastkraftwagenbaus, machte wegweisende Produkte Braunschweigischer Ingenieurskunst international begehrt und beeinflusste über Jahrzehnte das europäische Straßenbild.

Vor einem der ersten Omnibussen. Foto: gemeinfrei

Vor einem der ersten Omnibussen aus dem Büssingwerk. Foto: gemeinfrei

Doch der Weg zum erfolgreichen Unternehmer und Erfinder mit über 250 angemeldeten Patenten und tausenden Mitarbeitern begann auch für Büssing mit harten Lehrjahren und einigen Fehlschlägen. Geboren am 29. Juni 1843 als zweites von neun Kindern des Dorfschmieds Johann Heinrich Büssing und seiner Frau in Nordsteimke bei Wolfsburg, übernahm er schon früh Aufgaben in der väterlichen Schmiede. Nach der Grundschule ging er für zwei Jahre bei seinem Vater in die Lehre und bestand 1859 die Gesellenprüfung im benachbarten Vorsfelde. Anschließend arbeitete der Sechszehnjährige bis zum Erreichen der Volljährigkeit als Geselle in einer Braunschweiger Schmiede. Wie damals im Handwerk üblich, begab er sich nun auf mehrjährige Wanderschaft, die ihn bis in die Schweiz führte. Seine wohl wichtigste Erkenntnis: dass die Zukunft nicht im Handwerk, sondern in der industriellen Produktion lag. Nach seiner Rückkehr schrieb sich der Dorfschüler am Collegium Carolinum, der späteren TU Braunschweig, ein und studierte drei Jahre lang Maschinenbau und Bautechnik, um das Know-how zur Verwirklichung seiner technischen Visionen zu erlernen.

Eisenbahnsignal Bauanstalt Max Jüdel Co in Braunschweig. Foto: gemeinfrei

Eisenbahnsignal Bauanstalt Max Jüdel Co in Braunschweig. Foto: gemeinfrei

Doch die erste war ihrer Zeit wohl zu weit voraus: 1869 machte Büssing sich selbständig und gründete in der Wolfenbütteler Straße 37 die „Velocipedes-Fabrik“ mit damals futuristisch anmutenden Fahrrädern aus eigener Entwicklung. Die konjunkturelle Lage und das Abreißen internationaler Verbindungen während des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 ließ das junge Unternehmen jedoch wirtschaftlich scheitern. Auch eine nachfolgende Maschinenproduktion in den ehemaligen Velocipedes-Räumen konnte Büssing nicht lange halten. Doch 1873 zahlte sich sein hartnäckiger Unternehmergeist schließlich aus: Gemeinsam mit dem Braunschweiger Kaufmann Max Jüdel gründete er die „Eisenbahnsignal-Bauanstalt Max Jüdel & Co“. Die Bilanz der Erfolgsgeschichte: 92 Patente und über 1.000 ausgelieferte Stellwerke in den folgenden 20 Jahren. Büssing war ein gemachter Mann und hatte nebenher die Gründerzeit in Braunschweig eingeleitet.

Aber anstatt sich im Alter von 60 Jahren auf den wohlverdienten Ruhestand vorzubereiten, startete Büssing im Jahr 1903 unternehmerisch neu durch und hatte den ganz großen Wurf erst noch vor sich. Mit seinen Anteilen aus der Eisenbahnsignal-Bauanstalt gründete er die „Heinrich-Büssing-Spezialfabrik für Motorwagen und Motoromnibusse“ zur Produktion neuartiger LKW und Busse. Schon nach wenigen Jahren waren die Braunschweiger Nutzfahrzeuge von Straßen rund um den Globus nicht mehr wegzudenken, sie verschafften Deutschland die Führungsposition in diesem Industriezweig und der Name Büssing gelangte zu Weltruhm. Auch internationale Wahrzeichen wurden in dieser Zeit aus Braunschweig mitgestaltet: Londons berühmte rote Doppeldeckerbusse bewegten sich lange Jahre auf Fahrgestellen der Firma Büssing.

Dass Büssing ein Gestalter war, zeigte er aber auch im Braunschweiger Land. So richtete er 1904 zur praktischen Erprobung seiner Fahrzeuge die erste Omnibus-Linie zwischen Braunschweig und Wendeburg ein. Dreimal täglich fuhr ein Wagen mit 20 Passagieren und 25 km/h von Wendeburg über Watenbüttel und Ölper nach Braunschweig und zurück. Es folgten vier weitere Strecken im Harz sowie 1908 die erste Kraftverkehrsgesellschaft der Welt in Berlin.

Das Büssing Logo mit dem Braunschweiger Löwen. Foto: gemeinfrei

Das Büssing Logo mit dem Braunschweiger Löwen. Foto: gemeinfrei

Am 27. Oktober 1929 starb Heinrich Büssing im Alter von 86 Jahren als Ehrenbürger und Geheimer Hofrat in Braunschweig, sein Grab befindet sich auf dem Braunschweiger Hauptfriedhof. Bis zuletzt war er in seinem Unternehmen aktiv. Seine Söhne führten das Unternehmen erfolgreich weiter, 1971 erfolgte die Übernahme durch die Firma MAN. Seitdem schmückt das Firmenlogo Büssings, der Braunschweiger Löwe, die Fahrzeuge des Großkonzerns rund um den Erdball.

Text: Stephen Dietl
Titelbild: Heinrich Büssing (gemeinfrei)

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