Braunschweiger Köpfe: Ricarda Huch

Die wohl berühmteste Tochter Braunschweigs war nicht nur eine herausragende Schriftstellerin und Historikern mit über 50 Veröffentlichungen, sondern auch eine Vorreiterin für Emanzipation und Gleichberechtigung: Ricarda Huch war die erste Deutsche, die in der Männerwelt des 19. Jahrhunderts studierte und promovierte.

„Denn nicht nur die erste Frau Deutschlands ist es, die man zu feiern hat, es ist wahrscheinlich die erste Europas“. Mit diesen Worten würdigte Thomas Mann 1924 seine Schriftstellerkollegin Ricarda Huch in der Frankfurter Zeitung anlässlich ihres 60. Geburtstages. Berlin, München, Wien, Zürich, Triest – nur einige der vielen Stationen auf dem weltgewandten Lebensweg der Universalgelehrten. Ein Lebensweg, der seinen Anfang in Braunschweig nahm.

Ricarda Octavia Huch wurde am 18. Juli 1864 als Tochter einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Braunschweig geboren. Heute ziert eine Gedenktafel den ehemaligen Standort des im zweiten Weltkrieg zerstörten Geburtshauses am Inselwall. Details aus ihrer Kindheit sind kaum überliefert. Dass sowohl ihr älterer Bruder Robert als auch ihre zwei jüngeren Vettern Friedrich und Felix Huch ebenfalls erfolgreiche Schriftsteller wurden, deutet jedoch darauf hin, dass Ricarda Huch in einer familiären Umgebung aufwuchs, in der humanistische Bildung einen hohen Stellenwert besaß.

Im Alter von 16 Jahren verliebte sich Ricarda Huch in Richard Huch, den Ehemann ihrer älteren Schwester. Die verbotene Liebe sorgte im kleinbürgerlichen Milieu des damaligen Braunschweigs für einen Skandal – und gemeinsam mit der Tatsache, dass in Deutschland Frauen der Weg an die Universitäten noch verschlossen war, dafür, dass sie 1887 zum Studium der Geschichte, Philologie und Philosophie an die Universität Zürich in der liberaleren Schweiz ging. Sechs Jahre später promovierte sie dort als eine der ersten deutschen Frauen überhaupt. Im Anschluss erhielt sie eine Stelle an der Züricher Stadtbibliothek, arbeitete zudem als Lehrerin an der örtlichen Töchterschule.

1897 zog Ricarda Huch nach Wien, wo sie den Zahnarzt Ermanno Ceconi kennenlernte. Die beiden heirateten und zogen in Ceconis Heimatstadt Triest. Zwei Jahre später kam ihre einzige Tochter Marietta zur Welt. Zugleich konnte Huch in Italien literarische Erfolge feiern: Sie verfasste die erste Geschichte der italienischen Einigung durch Giuseppe Garibaldi und wurde ob dieses Verdienstes alsbald hoch geschätzt.

Trotz Ehe und Kind wurde Ricarda Huch zeitlebens nicht sesshaft. 1907 kehrte sie nach Braunschweig zurück, wo sie vier Jahre lang im Haus am Bruchtorwall 1 lebte. Während des ersten Weltkrieges und der Zeit der Weimarer Republik lebte sie anschließend fast 20 Jahre lang in München, reiste aber regelmäßig nach Österreich, Italien und in die Schweiz.

In dieser Zeit veröffentliche sie ihre wichtigsten Werke, wie z.B. die Biographie des russischen Anarchisten Michael Bakunin. Ricarda Huch besaß die Fähigkeit, vermeintlich trockene historische Fakten in mitreißende Darstellungen mit gesamtgesellschaftlicher Einordnung zu verwandeln, die auch abseits der Fachwelt viele Leser fanden. In diese Zeit ihres literarischen Durchbruchs fällt auch ihr zunehmender Kontakt zu den feministischen Intellektuellen Ika Freudenberg und Gertrud Bäumer, deren Bewegung sie zeitlebens verbunden blieb. Der eigene Erfolg in einer von Männern dominierten Welt hatte sie selbstbewusst und sensibel für Rolle der Frauen in der Gesellschaft, ihre Freiheiten und Bildungschancen, gemacht.

In Anerkennung ihrer Leistungen wurde Ricarda Huch 1926 gar als erste Frau in die Preußische Akademie der Künste berufen, 1931 erhielt sie zudem den Goethe-Preis in Frankfurt am Main. Doch ihre Mitgliedschaft in der Akademie der Künste war nur von kurzer Dauer: Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten verlangte die Akademie eine Loyalitätsbekundung ihrer Mitglieder mit dem Regime. Ricarda Huch verweigerte diese und trat aus.

Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie ab 1935 bei der Familie ihrer Tochter in Jena. Das Haus entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem Treffpunkt regierungskritischer Kulturschaffender und Wissenschaftler; auch Personen aus dem Kreis des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 sollen regelmäßig hier zu Gast gewesen sein. Ihre Werke aus dieser Zeit wurden von der offiziellen Kritik verrissen, ab 1941 gar nicht mehr veröffentlicht. Dennoch erhielt Huch noch 1944 den Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig für ihr Gesamtwerk, und die Mädchenschule in der Leonhardstraße ihren heutigen Namen: Ricarda-Huch-Schule.

Ein Dutzend Schulen, zahlreiche Straßen und sogar zwei Asteroiden tragen inzwischen den Namen der mutigen Braunschweiger Schriftstellerin. Am 17. November 1947 verstarb Ricarda Huch auf einer Reise in Frankfurt am Main. Kurz zuvor hatte sie, inzwischen gewürdigt als „Gewissen der Nation“, in Berlin noch den ersten freien Schriftstellerkongress ins Leben gerufen – im Alter von 83 Jahren.

Text: Stephen Dietl

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