Braunschweiger Köpfe: Richard Dedekind

Forschungsstandort seit über 150 Jahren: In der Löwenstadt trafen und inspirierten sich bereits im 19. Jahrhundert weltberühmte Geistesgrößen. Der Mathematiker Richard Dedekind war Schüler des prominenten Braunschweiger Universalgelehrten Carl Friedrich Gauß und hielt seiner Geburtsstadt zeitlebens die Treue. Hier betrieb er bahnbrechende mathematische Grundlagenforschung, die unser Weltbild bis heute prägt. Darüber hinaus prägte Dedekind auch das Stadtbild: So war der engagierte Braunschweiger mitverantwortlich für den Bau des heutigen TU-Altgebäudes an der Pockelsstraße und des Gauß-Denkmals am Inselwall.

Geboren am 6. Oktober 1831 in Braunschweig, bot sein Elternhaus in der Jasperallee dem jungen Richard Dedekind beste Voraussetzungen zur geistigen Entfaltung: Vater und Großvater waren Professoren am Collegium Carolinum, dem Vorläufer der Technischen Universität Braunschweig, der Großvater zudem Direktor des späteren Herzog-Anton-Ulrich-Museums. Auch seine ältere Schwester Julie Dedekind (1825-1914) sollte noch als Schriftstellerin und Pädagogin überregionale Bekanntheit erlangen.

Das mathematische Genie Dedekinds offenbarte sich bereits früh. Schon als Jugendlicher gab er Privatunterricht in Mathematik, als Siebzehnjähriger legte er sein Abitur am Martino-Katharineum ab. Im Revolutionsjahr 1848 schrieb er sich zum Studium der „Grundlagen der höheren Mathematik und Naturwissenschaften“ am Collegium Carolinum ein, von wo es ihn 1850 an die Universität Göttingen zog. Dort lehrte der wohl berühmteste Mathematiker seiner Zeit, der ebenfalls aus Braunschweig stammende Carl Friedrich Gauß. Dessen Vorlesung über „Die Methode der kleinsten Quadrate“ im Wintersemester 1850/51 soll Dedekind als eine der schönsten Vorlesungen bezeichnet haben, die er je gehört hatte. So inspiriert, legte er 1852 nach nur vier Semestern erfolgreich seine Dissertation vor – als letzter Schüler des zu diesem Zeitpunkt bereits 75-jährigen Gauß, dem „Fürst der Mathematiker“.

Nur zwei Jahre später habilitierte Dedekind und lehrte anschließend kurzzeitig selbst für drei Jahre an der Universität Göttingen, bevor er 1858 eine Professur am Polytechnikum Zürich annahm. Hier entwickelte er seine Theorie des Dedekindschen Schnitts, mit dessen Hilfe sich die reellen Zahlen aus den rationalen Zahlen konstruieren lassen, sowie die erste exakte Definition der reellen Zahlen – für heutige Mathematiker eine Selbstverständlichkeit, damals bahnbrechende Ideen.

Doch der Auslandsaufenthalt währte nur kurz, den Familienmensch Dedekind zog es 1862 zurück in seine vertraute Heimat zu seinen Eltern und Geschwistern. Eine Berufung zum Professor für Mathematik an das Polytechnikum Braunschweig erleichterte ihm die Entscheidung. Nach nur zehn Jahren wurde er im Alter von 39 Jahren zum Direktor des Polytechnikums gewählt, dessen Aufwertung zur Technischen Hochschule Braunschweig er alsdann maßgeblich vorantrieb. Diesem Lebensabschnitt Dedekinds ist auch das heutige Altgebäude der TU zu verdanken, für dessen Bau er sich als Vorsitzender der Baukommission verantwortlich zeichnete. In diesen Zeitraum fällt auch seine Beteiligung an der Errichtung des Gauß-Denkmals am Inselwall zum 100. Geburtstag des Universalgenies.

1888 veröffentlichte Dedekind sein Hauptwerk „Was sind und was sollen die Zahlen?“, mit dem er das Verständnis der modernen Mathematik prägte. Dedekind-Ringe, die Dedekindsche η-Funktion, das Dedekindsche Komplementärmodul und Dedekindsche Summen – ohne seine jahrzehntelange Grundlagenforschung, besonders in der abstrakten Algebra, wären viele moderne Berechnungsmethoden nicht denkbar. Das brachte ihm bereits zu Lebzeiten neben vielen nationalen Ehrungen auch internationale Anerkennung: Dedekind war Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften und der Accademia dei Lincei in Rom, Ehrendoktor in Zürich und Oslo.

1894 trat er nach 32 Lehrjahren an der Technischen Hochschule Braunschweig in den Ruhestand, hielt aber noch viele Jahre lang Vorlesungen. Am 12. Februar 1916 starb Richard Dedekind; er blieb zeitlebens unverheiratet und kinderlos. Sein Grab befindet sich auf dem Braunschweiger Hauptfriedhof.

Text: Stephen Dietl

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