„Eine lebensnotwendige Farbe für die Gesellschaft“

Eindrücke für die eigene Veränderbarkeit gewinnen, den Geist und den Körper in der Auseinandersetzung mit Welt anders erfahren – das geht, allen Verlockungen des digitalen Zeitalters zum Trotz, nirgends so gut wie im Theater. Wir möchten Ihnen daher nacheinander die fünf Sparten des Staatstheaters Braunschweig näherbringen.

Entscheidend mitverantwortlich für das Kapitel neuester Lesart in der Sparte Schauspiel ist Axel Preuß. Der Chefdramaturg und stellvertretende Intendant für künstlerische Fragen kam 2010 gemeinsam mit Generalintendant Joachim Klement nach Braunschweig. Das gemeinsame Ziel: Die Türen in die Stadt weit öffnen und dem Braunschweiger Publikum ein möglichst breites Spektrum der in der deutschen Theaterlandschaft vorkommenden Theaterformen zugänglich machen.

Ein Haus der Entdeckungen

Philipp Grimm und Axel Preuß im Interview. Foto: André Pause

Philipp Grimm und Axel Preuß im Interview. Foto: André Pause

„Als wir angefangen haben, war der durchschnittliche Besucher 56 Jahre alt und weiblich. Es ist schön, dass Braunschweig traditionell ein sehr treues Publikum hat. Gleichzeitig war es von Anfang an unser Bestreben, auch junge Menschen ans Theater heranzuführen“, sagt Preuß. Dies sei erfreulicherweise geglückt. Bewusst vorangetrieben habe man den Prozess durch entsprechende Stücke auf dem Spielplan sowie durch eine intensive Zusammenarbeit mit sehr klugen, umsichtigen, gleichzeitig aber auch jungen Regisseuren. So habe insbesondere Daniela Löffner als Hausregisseurin das Schauspiel in den ersten vier Jahren künstlerisch stark mitgeprägt, viel für das Ensemble getan, und auch dafür gesorgt, dass das Haus in der Stadt schnell als eines wahrgenommen worden ist, in dem man viele Entdeckungen machen kann.

Zwölf Premieren und sieben Wiederaufnahmen stehen für die Schauspielsparte in dieser Spielzeit auf dem Programm, die Aufführungen des künstlerisch outgesourcten Sommertheaters („Da Da Da“) sowie die Vorstellungen des Stadttheaters, die das Staatstheater künstlerisch leitet, nicht mit einbezogen. Da kommt einiges zusammen an künstlerischen Handschriften und Theaterformen. „Wenn man sich anguckt, was sich bei uns auf dem Spielplan befindet, zwischen dem Klassiker „Dantons Tod“, der für Schüler und Lehrer hochinteressant ist, und Marta Gornickas „M(other) Courage“, einer Produktion, die sonst im deutschen Repertoiretheater gar nicht sichtbar ist, sonst nur am freien Theater oder im europäischen Festivalwesen stattfindet, ist das schon ein breites Spektrum“, findet der Chefdramaturg, den es ab der kommenden Saison als Schauspieldirektor ans Badische Staatstheater Karlsruhe zieht.

Besondere Entwicklung

Am Staatstheater Braunschweig führte die Programmatik dazu, dass sehr viele Schüler die Bühnen des Hauses für sich entdeckt haben. „Wir haben um das Theater als Kunstform verständlich, aber auch um es als Ertüchtigungskraftfeld für den Alltag als Selbsterfahrungsspielfeld wahrnehmbar zu machen, die Pädagogen-Stellen erheblich aufgestockt. Was eine Aufwertung des gesamten Kunst- und Kulturvermittlungswesens bedeutet“, skizziert Preuß. Das mache sich auch kurzfristig bemerkbar, weil junge Menschen spürten: Sie werden angenommen und ernst genommen. „Die Zahl der Besucher bis 30 Jahre, verstärkt auch im Spektrum von 18 bis 30, hat stark zugenommen. Das ist eine Entwicklung, die schon sehr besonders ist.“

28 feste Mitarbeiter sorgen derzeit dafür, dass am Schauspiel des Staatstheaters hochprofessionell und thematisch nah am Zeitgeist gearbeitet wird. Das Ensemble umfasst 16 Mitglieder, hinzu kommen drei Regieassistenten, ein Souffleur und eine Souffleuse, zwei Inspizienten, drei Dramaturginnen eine „halbe“ Dramaturgie-Assistentin sowie Axel Preuß als Chefdramaturg.

Ein Lob für die Ensemblepolitik

Einer der seit vier Jahren in Braunschweig auf der Bühne steht ist Philipp Grimm. In der laufenden Spielzeit ist der Fuldaer an fünf Produktionen beteiligt. Bezüglich seines Engagements ist er voll des Lobes: „Was das Haus hier ausmacht, ist, dass es eine ganz tolle Ensemblepolitik gibt. Ich finde, dass wir eine super Gruppe haben und gut zusammenarbeiten. Alle sind konzentriert bei der Sache, was ich als sehr angenehm und produktiv empfinde. Ich habe erlebt, und auch von Kollegen erfahren, dass das an anderen Häusern so nicht unbedingt üblich ist. Das ist hier eine große Kraft, die besonders ist.“ Dass viel für Jugendliche Theaterbesucher getan wird, findet der 31-jährige aktuelle Förderpreisträger der Staatstheaterfreunde gut. „Ich war gerade in Freiburg, und da ist es nicht so wie bei uns. Wir haben im Abendspielplan wahnsinnig viele Schüler in unseren Vorstellungen, was manchmal zwar anstrengend ist, ganz viel Kraft kostet, weil man auch mal unterbrechen muss, wenn zu viel gestört wird. Aber dass an sich so viele Schüler ins Theater kommen, finde ich an sich sehr bemerkenswert.“

Auf der anderen Seite sei auch das Haus bestrebt, gerade jungen Künstlern die Möglichkeit zu geben, sich in größeren oder großen Rollen zu entwickeln. „Das hat etwas mit Vertrauen und Langfristigkeit zu tun. Man kann nicht gleich groß sein, nur weil man einmal gut spielt“, betont Axel Preuß, der in diesem Zusammenhang stark auf die Bereitschaft zum Wissenstransfer unter Kollegen setzt.

Wissenstransfer – auch Sparten übergreifend

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Philipp Grimm als Major von Tellheim in Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück. Foto: Volker Beinhorn

Auch eine spartenübergreifende Zusammenarbeit, wie seit der vergangenen Spielzeit von Musiktheater und Schauspiel praktiziert, ist sehr im Sinne des Chefdramaturgen. „Wir haben eigentlich von Anfang an den Wunsch gehabt, spartenübergreifend zu arbeiten, um Begegnungen zwischen den Künstlern möglich zu machen, um selber mehr voneinander zu erfahren und zu lernen, um Dinge zu tun, die man alleine vielleicht nicht tun kann. Aber auch um dem Publikum etwas Besonderes zu bieten“, so Preuß.

Die erste Kollaboration „My fair Lady“ wurde vom Braunschweiger Publikum hervorragend angenommen. Im Januar feiert nun Jacques Offenbachs „Die Banditen“ im Großen Haus Premiere. Die Regie übernimmt mit Michael Talke ein Mann, der – was nicht so häufig vorkommt – sowohl im Musiktheater als auch im Schauspiel zuhause ist.

Vor allem aus technischer und dispositioneller Sicht ist das Zusammenkommen der Sparten allerdings unglaublich schwierig – ein planungsintensiver Kraftakt. „Zudem sind die Arbeitsweisen der einzelnen Gruppen völlig unterschiedlich, ebenso die Kriterien, nach denen man sich auf ein Stück einigt. Im Schauspiel gehen wir sehr stark über den Inhalt, fragen uns, ob ein Stoff unser Publikum erreichen kann, indem es was mit der Zeit, mit uns oder mit der politischen Situation zu tun hat“, beschreibt Preuß. „Wir kommen über die Themen, die wir in der Stadt oder im Land finden. Und der inhaltliche Angang spiegelt sich entsprechend in der Arbeitsweise der Schauspieler wider. Das sind zwar Leute, die mit dem gesamten Körper arbeiten, aber komplett vom Gedanken und der inhaltlichen Auseinandersetzung kommen.“ Im Tanz spielten verständlicherweise ganz andere Kriterien eine Rolle, was sich letztlich bis in die Probenprozesse hinein bemerkbar mache.

Auch Philipp Grimm hat das erlebt. Er muss ein wenig schmunzeln: „Ich habe in meiner ersten Spielzeit für „Mama Dolorosa“ mit dem Musiktheater zusammengearbeitet. Das war eine interessante Erfahrung, weil Sänger tatsächlich ganz anders arbeiten. Wir Schauspieler diskutieren einen einzigen Satz, Gedanken oder Spielvorgang schon mal eine ganze Probe hindurch, lernen eigentlich erst im Probenprozess den Text. Die Sänger hingegen können schon alle Partituren, kommen mit dem gelernten Text und dem Notenbild vor Augen an.“

60 bis 70 Stunden pro Woche? Normal!

Die Arbeitsbelastung am Theater ist – vor allem im Bereich Schauspiel – immens. „Dadurch, dass es elf reguläre Proben in der Woche gibt, der Samstag wie ein Werktag behandelt wird, haben die Schauspieler mindestens eine Sechs-Tage-Woche mit täglich zehn Stunden plus X“, rechnet Axel Preuß, dessen eigene Arbeitswoche an vier Tagen um 9 Uhr mit einer Sitzung startet, vor. Überhaupt würden Sitzungen die Tätigkeit des Dramaturgen nicht unerheblich strukturieren. Gelegt sein sollten diese Runden darüber hinaus auch noch so, dass man auf Proben gehen kann. „Es gehört zum Berufsbild, für das Ensemble und das Regieteam ansprechbar zu sein, was zur regelmäßigen Folge hat, dass das bei einem Dramaturgenleben von mindestens 70 Arbeitswochenstunden auszugehen ist. Dies sei an alle gerichtet, die Interesse haben, sich mit dem Berufsbild zu beschäftigen“, fügt der Chefdramaturg lachend hinzu.

Ein langer Atem und sehr viel Idealismus seien unabdingbar, um in diesem Beruf durchzuhalten. Zwar empfänden die Menschen am Theater die langen Tage nicht zwangsläufig als hart. Eine Herausforderung für das Privatleben sei die Arbeit im Schauspielbetrieb allerdings schon: zeitlich extrem gebunden, geografisch meist weit weg vom jeweiligen Lebensumfeld und Freundeskreis – das ist der Alltag. „Für Beziehungen ist das wirklich schwer. Das hat auch nichts mit Verständnis zu tun, sondern damit, dass man sich einfach nicht sieht, und damit, dass das richtig wehtut. Wenn Du Kinder hast, wird das noch viel schlimmer, weil da Menschen neben Dir aufwachsen, die Entwicklungsschritte machen, und Du kriegst es nur so am Rande oder sprunghaft mit“, skizziert Axel Preuß, der sein Leben, wie er sagt, auf den Beruf „hin organisiert“ hat.

„Man muss es machen“

Die schönen Seiten der Theaterarbeit überwiegen dennoch, für beide, für den Dramaturgen wie für den Schauspieler. „Ich mag, dass man kreativ sein und über viele Dinge nachdenken kann, dass man Quatsch machen kann und den wiederum sogar benutzt, weil vielleicht doch ein Funken Wahrheit drinsteckt. Für den Zuschauer ist toll, dass Theater heute eine Form von Geschichtenkonsum ist, die Du so nirgendwo anders hast. Eine lebensnotwendige Farbe für die Gesellschaft. Ich könnte mich nicht nur von Fernsehen, Internet und Kino berieseln lassen. Ich brauche diesen anderen Input, den Live-Moment“, sagt Philipp Grimm. „Man muss es machen, weil es irre ist, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die eigentlich das Gleiche wollen, an das Gleiche glauben: an die Veränderbarkeit der Welt“, betont Axel Preuß. Daran glauben, festhalten und arbeiten, streiten, ringen und spielen, was das Zeug hält, daran immer wieder scheitern, und trotzdem die Hoffnung nicht aufgeben, dass man mit dem Publikum Momente stiftet, die mehr und größer sind, als der jeweilige Augenblick es nahelegt – das mache die Faszination Theater aus.

Text: André Pause
Artikelbild: Szenenbild mit Philipp Grimm aus Im Westen nichts Neues; Volker Beinhorn

 

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