Den Dingen Seele einhauchen

Hanne Scharnhorst und Michael Nöck Gebhardt-Seele machen seit einer gefühlten Ewigkeit gemeinsame Sache – und die heißt Theater Fadenschein. Bereits während ihres Studiums an der HBK Ende der 70er-Jahre entdeckten beide ihre Liebe zum modernen Figurentheater. 1983 gründeten sie die Gruppe Der Rote Faden, aus der später die bis heute gültige Firmierung werden sollte.

Entscheidung für das Spiel

„Ich habe ursprünglich Kunstpädagogik mit dem Schwerpunkt darstellendes Spiel studiert, und bin über Projekte in die freie Szene hineingekommen. Nach dem ersten Staatsexamen stand dann die Entscheidung an: gehe ich in den Schuldienst und mache ein Referendariat oder mache ich weiter Theater. Zwei Professoren – Enno Podehl, der die studentische Marionettentheatergruppe gegründet hat und Hansgeorg Mahler vom Frankfurter Klappmaultheater – haben mich damals sehr gepusht, und gesagt: Mach weiter“, skizziert Hanne Scharnhorst, die ein wenig schmunzeln muss, wenn die Sprache auf die Anfänge kommt. Anti-AKW, Straßentheater, unterschiedlichste, alternative Projekte, Bio- und Buchläden: Das sei alles sehr rührig gewesen – einfach eine andere Zeit.

Anfänge als Tour-Theater

13 Jahre war das Theater Fadenschein de facto ein Tour-Theater. Bis zu 120 Spiele pro Jahr haben Scharnhorst und Gebhardt-Seele im gesamten bundesrepublikanischen Raum absolviert. Ein kleines Standbein in Braunschweig hatten beide im ehemaligen Kulturzentrum Die Brücke am Steintorwall. „Das war ein Veranstaltungsraum, der früher mal ein Kino war, quasi der Vorläufer unseres eigenen Hauses. Dort haben wir ein kontinuierliches Figurentheaterprogramm mit eigenen Produktionen und Gästen gemacht. Künstlerisch hatten wir da schon recht viel Erfolg, vor allem mit den Kinderstücken, die sehr gut besucht waren“, erinnert sich Scharnhorst, und fügt lachend hinzu: „Wir hatten damals aber auch mit verschiedensten Zwängen zu kämpfen.“ Immer wieder habe man mit den Hufen gescharrt, mehr machen wollen, was jedoch unter anderem durch die allzu starren Öffnungszeiten der Räumlichkeiten des Kulturamtes, die sich nach dem Hausmeister richteten, verhindert wurde. In dieser Zeit entstand der Wunsch nach einem eigenen Haus.

Das Theaterhaus im Bültenweg

Das Theater Fadenschein am Bültenweg. Foto: André Pause

Das Theater Fadenschein am Bültenweg. Foto: André Pause

 

Der Zufall sollte den Theaterleuten schließlich helfen. Hanne Scharnhorsts Mann hatte einen Atelierplatz in einem historischen Gebäude aus dem vorletzten Jahrhundert. Als er erfuhr, dass die ehemalige Konservenfabrik verkauft werden soll, gab er sein Wissen weiter. Michael Nöck Gebhardt-Seele prüfte daraufhin, ob ein Kauf realisierbar wäre. Das war er, und so wurde das Gebäude im Bültenweg 95, vis-à-vis des Botanischen Gartens, nach jahrelangem Umbau zur festen Heimat des Theaters Fadenschein. Seitdem wird der Saal mit 120 Sitzplätzen ganzjährig bespielt. Dass das Leben auf Tour damit ein Ende hatte, kam Hanne Scharnhorst übrigens sehr entgegen. 1992 brachte sie Tochter Alba, heute selbst eine Theater-Enthusiastin, zur Welt. „Außerdem hatte ich es, als ich dann so 40 oder 45 war, ziemlich im Kreuz. Unsere Stücke waren vom Bühnenbild schon damals relativ aufwendig. Und bei manchen Touren haben wir das bis zu dreimal am Tag auf- und abgebaut.“

Herausforderungen für Theater

Stationär habe man jetzt bisweilen die Möglichkeit auch mal 20 Spiele in einer Bühne zu absolvieren. Eine Entlastung für das lediglich vier Mitarbeiter starke Team des Fadenschein, das sich den vielfältigsten Herausforderungen ausgesetzt sieht. „Vor allem gibt es heute unheimlich viel Konkurrenz. In der Braunschweiger Kindertheaterszene ist viel los, im Erwachsenentheater natürlich erst recht. Darüber hinaus konkurrierst Du anders als in den Anfängen viel mehr mit Events. Allein Theater zu machen reicht oft nicht mehr. Ein Stück muss heute mehr in einen bestimmten Rahmen eingebunden sein“, erklärt die Theaterleiterin. Die Kunst sei in Zeiten des Theaters mit Alltagsexperten beim gewissenhaften rumfeilen am Alleinstellungsmerkmal, nicht im eigenen Saft zu schmoren und auf der anderen Seite das Programm nicht zu verwässern. Im Vergleich zu früher trage man heute natürlich eine ganz andere Verantwortung – nicht nur aufgrund des beschäftigten Personals. Das Haus zu bespielen, zu erhalten und dabei über Jahre interessant zu halten ist auch vor dem Hintergrund der institutionellen Förderung essenziell.

Ein Blick in die Werkstatt: Hier werden die meisten Figuren geschaffen, die auf der Bühne zum Leben erweckt werden. Foto: André Pause

Ein Blick in die Werkstatt: Hier werden die meisten Figuren geschaffen, die auf der Bühne zum Leben erweckt werden. Foto: André Pause

Ein Programm für alle

178 Spiele sind im Theater Fadenschein im vergangenen Jahr über die Bühne gegangen, 75 davon waren eigene Produktionen. Dabei ist das Programm im Bültenweg, ein gängiges Vorurteil, keineswegs nur für Kinder. „Der Eindruck entsteht vielleicht, weil wir im Weihnachtsprogramm ausschließlich Kinderprogramm machen. In der Zeit können wir parallel kein Erwachsenentheater anbieten, weil die Umbaumöglichkeiten der Bühne das schlicht nicht hergeben“, sagt Pressesprecherin Annemarie Bastian. Und natürlich habe es mit der Tradition des Figurentheaters zu tun. „Da denken die meisten erst mal an den Kasper. Das ist total verwurzelt in den Köpfen“, ergänzt Hanne Scharnhorst. Dabei berge Figurentheater die Chance, sich sehr vielfältig mit dem Thema Theaterspielen zu beschäftigen, gerade weil man auf der Bühne nicht nur ganz klassisch einen Text und Schauspieler habe: „Man kann in unterschiedlichsten bildhaften Genres denken, experimentieren und dabei auf einer anderen Ebene als der sprachlichen arbeiten. Im Liliputtheater beispielsweise gibt es ja überhaupt keine Geschichten. Da läuft aufgrund des Wegfalls der kognitiven Ebene alles assoziativ über Emotionen und Bilder. Und das kann man, gerade heute, wo man den Menschen ganzheitlich betrachtet und andere Bereiche als nur den Kopf anspricht, verstärkt auch auf das Erwachsenentheater übertragen. Es geht auch darum, Dingen beziehungsweise Materialien Seele einzuhauchen. Ein Abstraktionsgrad, den es im Schauspiel sonst wenig bis gar nicht gibt.“

Formate mit Weitblick

Dass auch Jugendliche und Erwachsene ihren Spaß beim Figurentheater haben, stellen die Fadenscheins ganzjährig unter Beweis. Unter dem Motto „AugenSchmaus“ bietet das Theater bereits seit den Anfängen Vorstellungen mit einem kulinarischen Rahmenprogramm an. Familien mit älteren Kindern schwören auf das Format „Pizza & Theater“. Alle drei Jahre wird darüber hinaus mit dem Weitblick-Festival ein umfassender Einblick in die verschiedensten Spielarten aus der Welt des Figurentheaters gegeben. Vom 14. bis zum 23. Oktober ist es wieder so weit.

Pädagogische Angebote und zahlreiche Kooperationen runden das Angebot ab.

Aktuelle Informationen zu allen Aktivitäten und Produktionen finden Sie auch im Internet unter www.fadenschein.de.

Text und Bilder: André Pause
Artikelbild  (v.l.).: Stephanie Sahl (Organisation), Hanne Scharnhorst (Figuren, Spiel, Regie, Gestaltung, Dramaturgie, Spielplan, künstlerische Leitung Festival Weitblick), Michael Nöck Gebhardt-Seele (Bühnenbild, Figuren, Spiel, Technik, Finanzen, Internet), Annemarie Bastian (Öffentlichkeitsarbeit).

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