Gärtnern mit Gemeinschaftsgefühl

Seit einigen Jahren erlebt das Gärtnern in deutschen Großstädten eine regelrechte Renaissance, und zwar weit über das früher eher belächelte Laubenpiepertum hinaus. In Zeiten des urbanen Bevölkerungswachstums bei gleichzeitiger Reduktion landwirtschaftlicher Anbauflächen als Folge des Klimawandels geht es den Menschen heute nicht mehr nur um Erholung und Entspannung vom stressigen Arbeitsalltag, sondern verstärkt um die Gartenkultur an sich, eine umweltschonende Produktion und den bewussten Konsum von Nahrungsmitteln.

Inspiriert durch die Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg sind in Braunschweig die Gemeinschaftsgarten-Projekte in der Heydenstraße und im Bebelhof entstanden.

Die VHS als Träger

Ins Leben gerufen haben diese Ute Koopmann, die auch für die Akquise von Fördergeldern von Sponsoren und Stiftungen sowie für Kooperationen mit anderen Institutionen verantwortlich ist, und Rainer Junge. Beide sind Mitarbeiter der Volkshochschule Braunschweig (VHS), die als Trägerin der Gärten für die Infrastruktur und die Logistik, beispielsweise in Form von Hausmeisterleistungen, verantwortlich ist. Im Hofgarten Heydenstraße fiel der Startschuss Ende März 2014, im Gemeinschaftsgarten Bebelhof in der Schefflerstraße ging es im Mai 2015 los.

Offen für verschiedenste Nutzergruppen

Vera Keidel gärtnert und berichtet darüber. Foto: André Pause

Vera Keidel gärtnert und berichtet darüber. Foto: André Pause

Das 2.000 Quadratmeter große Gelände hinter dem Sportplatz ist zu günstigen Konditionen von der Stadt gepachtet. Etwa 100 Hochbeete sind hier im Laufe eines Jahres entstanden. Von Beginn an dabei: Vera Keidel, die selbst Hobbygärtnerin ist und mit Freunden das Gartenblog webeetniks betreibt, und Almut Siewert. Beide kommen regelmäßig in den Garten, gehören zum festen Stamm von etwa 15 Ehrenamtlichen, einem bunten Haufen an Leuten, die einfach gerne gärtnern, die Begeisterung in vielen Fällen aus der Kindheit ins Erwachsenenalter hinüberretten konnten, und die vor Ort ganz gezielt Aufgaben übernehmen. An einer Tafel am Gartenhaus steht geschrieben, was zu tun ist: „Bei anhaltender Trockenheit frisch Gepflanztes und Gesätes wässern. Vorsichtig hacken (besonders die Möhrchen). Tomaten stehen zum Abhärten immer draußen.“

Unterstützt bei Workshops: Almut Siewert. Foto: André Pause

Unterstützt bei Workshops: Almut Siewert. Foto: André Pause

Keidel versucht mindestens zwei Stunden pro Woche hier zu sein, Siewert kommt im Schnitt auf 15 bis 20 Stunden. Die studierte Diplom-Geografin arbeitet zum Thema Umweltbildung mit Kindern aus der nahe gelegenen Grundschule Bebelhof und dem Kinder- und Familienzentrum. „Unser Interesse ist schon so viele Nutzergruppen wie möglich anzusprechen und zu etablieren. Aus meiner persönlichen Beobachtung ist es so, dass es eine Weile dauert, bis ein Projekt das Leben erlangt, das man ihm gerne geben möchte“, sagt Siewert. Beliebt sind bislang vor allem die offenen gärtnerischen Workshops am Dienstag. „Die werden regelmäßig von bis zu 20 Leuten besucht, je nach Wetter. Und es ist grundsätzlich ein Ansprechpartner vor Ort.“

Gärtnern ist Gemeinschaft

Werden bald in die Hochbeete gesetzt: Die Pflanzen werden aus Saatgut gewonnen, angezogen und ausgesetzt. Foto: André Pause

Werden bald in die Hochbeete gesetzt: Die Pflanzen werden aus Saatgut gewonnen, angezogen und ausgesetzt. Foto: André Pause

Einem grundlegenden Missverständnis gilt es, von vornherein vorzubeugen: Es ist nicht so, dass im Gemeinschaftsgarten jeder sein eigenes Beet hat. Vielmehr wird geschaut, wo was anliegt, und dann gemeinschaftlich erledigt. Die Aufgaben werden verteilt. „Das Soziale in diesem Projekt zeigt sich dadurch, dass sich hier die verschiedensten Nutzgruppen arrangieren“, betont Keidel, die den Part der Social-Media-Verantwortlichen für das Projekt übernommen hat, und selbst gelegentlich Workshops zum Themenbereich Ernährung anbietet. Gepflanzt und geerntet werde nach dem Prinzip „Wer mitgärtnert darf miternten“ gemeinsam. „Optimalerweise wird sogar einiges zusammen verarbeitet. Zumindest gibt es Events, bei denen wir gemeinsam das verwerten, was wir herstellen, beispielsweise zu einem leckeren Salat, von dem alle mitessen können.“

Die Gemeinschaft sei ein entscheidender Faktor im Bebelhof, findet auch Almut Siewert: „Es hat sich herauskristallisiert, dass es nicht ganz so einfach ist, wenn jeder kommt und irgendwie rumgärtnert. Zu Beginn war es durchaus mal so, dass einer etwas gepflanzt hat, und der zweite es herausgerissen hat, weil er dachte, es sei Unkraut. Wir haben erkannt, dass es Sinn macht, etwas planvoller vorzugehen. Nun versucht das recht aktive ehrenamtliche Team, solche Geschichten von vornherein zu vermeiden. Es soll schon so sein, dass jeder der mitmacht, auch den Gemeinschaftsgedanken mitträgt. Wir haben kein Interesse, dass Menschen das Angebot für sich nutzen, sich aber den anderen gegenüber nicht öffnen. Bislang habe ich das Miteinander jedoch immer als äußerst konstruktiv erlebt.“ Wenn es mal Probleme gebe, spreche man eben darüber.

Auf die Mischkultur kommt es an

Gemüse, Kräuter und Blumen werden nebeneinander angebaut. Foto: André Pause

Gemüse, Kräuter und Blumen werden nebeneinander angebaut. Foto: André Pause

Am Ende der letzten Saison habe man anhand der ersten Erkenntnisse ein Fazit gezogen. So wurde mit Beginn dieses Jahres auf Ökosaatgut umgestellt. Gepflanzt wird im Stadtgarten Bebelhof alles, was sich gut ernten lässt und gerne gegessen wird, zum Beispiel Kräuter, Möhren, verschiedenste Kartoffel- und Tomatensorten oder Zucchini. Ein paar Exoten habe man dagegen rausgeschmissen. Zum einen, weil die für bestimmte Gewächse erforderlichen Temperaturen hier nicht unbedingt vorherrschen, oder aber, weil manches Gemüse nur die wenigsten essen wollten. Auch Blumen lassen sich in manchem Beet entdecken: meist die unverwüstliche Tagetes, auch Studentenblume genannt. „Wir gucken, welche Pflanzen gut in Mischkultur sind. Die Tagetes aber auch Kapuzinerkresse gelten als gute Pflanzennachbarn, weil sie die Schädlinge im Boden hemmen, beziehungsweise selber anziehen. Blattläuse gehen dann lieber an die Kapuzinerkresse als an das, was Dir jetzt wertvoll ist“, skizziert Vera Keidel.

Jeder kann mitmachen

Garten- und Kräuterexperte Burkhard Bohne gibt Workshops und Kurse. Foto: André Pause

Garten- und Kräuterexperte Burkhard Bohne gibt Workshops und Kurse. Foto: André Pause

Wer mitgärtnern möchte – egal ob als Einzelperson oder in der Gruppe – ist herzlich willkommen. Angst oder Scheu brauche niemand zu haben. Man lerne hier von anderen schnell Neues dazu, meint Almut Siewert. Bei den Grundlagen-Workshops am Dienstag ist ohnehin Burkhard Bohne dabei. Der engagierte Gärtnermeister und Kräuterexperte – nebenbei ein vielgefragter Buchautor – leitet hauptberuflich den Arzneipflanzengarten der Technischen Universität Braunschweig und den rekonstruierten Klostergarten des Klosters Riddagshausen. Bohne hat sich über die Bingo-Umweltstiftung selbstständig um Mittel bemüht, um die Kurse geben zu können. „Ich finde es toll, dass Menschen in einer Gruppe, die ständig wächst, zusammenkommen, gemeinsam Erfolgserlebnisse haben, die Grundlagen des Gärtnerns gelernt werden und gleichzeitig ein Garten entsteht“, betont der Fachmann, bei dem die Teilnehmer unter anderem erfahren, wie man richtig pikiert oder gießt, und dazu jede Menge theoretisches Hintergrundwissen erhalten. „Die Anfängerfehler sind eigentlich immer die gleichen“, lächelt Bohne, der wie er sagt auf die Reaktivierung des Wissens im Einzelfall setzt. Gut gefalle ihm, dass sowohl im Hofgarten Heydenstraße als auch in den nässegeschützten Hochbeeten im Gemeinschaftsgarten Bebelhof nachhaltig und nicht gegen die Umwelt gegärtnert wird. Hier werde an den gesamten Kreislauf gedacht, bleibe immer ein Teil der Ernte stehen, um Saatgut zu gewinnen. „Die Ergebnisse bemerkt man natürlich nicht in zwei, sehr wohl aber in 50 Jahren.“

Die offenen Gartennachmittage im Gemeinschaftsgarten Bebelhof sind immer am Freitag, Samstag und Sonntag – jeweils von 14 bis 19 Uhr. Die angeleiteten Workshops mit Burkhard Bohne finden dienstags ab 17 Uhr statt. Aber auch wochentags von 10 bis 14 Uhr darf jeder einen Blick riskieren, das Tor ist dann geöffnet. Aktuelle Informationen gibt es regelmäßig auf der Facebook-Seite.

Text: André Pause

Hinterlassen Sie einen Kommentar!

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder *