Braunschweig hat sein HAUM wieder

Mattes Blau, mattes Grün und mattes Rot – die textilbespannten Wände der Gemäldegalerie im nach sieben Jahren Planung, Sanierung und Einrichtung neu eröffneten Herzog Anton Ulrich-Museum (HAUM) sind nicht in den klassischen Galeriefarben gestaltet. Dies sei schon im Vorfeld ein expliziter Wunsch von Besuchern gewesen, so Dr. Silke Gatenbröcker, die Leiterin der Galerie im ersten Stock. Die seidig nicht zu barock schimmernden Primärfarben sind exklusiv für das Kunstmuseum entwickelt worden. Nun tragen sie dazu bei, dass die einzelnen Räume offen und hell wirken, und auch, dass Farbakzente in den Werken besser identifiziert werden können.

Sanierung war dringend nötig

Professor Dr. Luckhardt (rechts im Bild)

Professor Dr. Luckhardt (rechts im Bild) bezeichnet die Neueröffnung seines Hauses bereits überschwänglich als Jahrhundertereignis.

In der Gemäldegalerie des Hauses offenbart sich die größte Kulturbaumaßnahme des Landes Niedersachsen der vergangenen 20 Jahre wohl am Sichtbarsten. 35,6 Millionen sind in die in zwei Bauphasen erfolgte Erweiterung und Sanierung des HAUMs geflossen. Das freilich war dringend nötig, weil der Museumsbau des Architekten Oskar Sommer aus dem Jahr 1887 an seine Grenzen gelangt war: hoffnungslos veraltete Technik, drastische Schäden in der Bausubstanz und schlicht zu wenig Platz für eine 190 000 Kunstwerke umfassende Sammlung. „Ganz offensichtlich war das Museum kurz vor dem Zusammenbrechen. Anders als das Städel Museum in Frankfurt am Main beispielsweise wurde dieses Gebäude im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört. Es war einfach in die Jahre gekommen. Abgesehen von den Dacharbeiten in den Jahren 1992 und 93 ist hier ja nichts passiert. Der Gordische Knoten konnte also nur zerschlagen werden, indem man alles komplett neu macht“, skizziert Museumsdirektor Professor Dr. Jochen Luckhardt, der die Wiedereröffnung seines Hauses bereits überschwänglich als Jahrhundertereignis bezeichnet hat.

Zurück in der ersten Liga

Das Altgebäude wurde von nachträglichen Einbauten befreit, bis auf den Rohbau entkernt, grundlegend saniert und mit moderner Ausstellungstechnik ausgestattet. Technisch und räumlich spielt das Kunstmuseum des Landes Niedersachsen damit wieder in der ersten Liga deutscher und europäischer Ausstellungshäuser mit. 4000 Kunstwerke spiegeln nach der Neueröffnung auf identischer Quadratmeterzahl eine Spanne von 3000 Jahren Kunstgeschichte, und die Sonderausstellungsfläche für wechselnde Schauen hat sich auf 900 Quadratmeter mehr als verdoppelt.

Fit für moderne Museumsarbeit

Verschiedene Arten der Kunstvermittlung liefern auf verständliche  Weise Informationen zu den Exponaten.

Vor allem sei man durch den erfolgten Ausbau jetzt in der Lage, für Museumsarbeit des 21. Jahrhunderts zu sorgen, so Luckhardt: „Wir haben uns auf ganz unterschiedliche Personenkreise einzustellen. Es kommen ja längst nicht mehr nur klassische Bildungsbürger. Da gibt es die Familien, Menschen die gerade erst damit begonnen haben Deutsch zu lernen oder junge technikaffine Leute. Dieser Verschiebung gilt es Rechnung zu tragen. Das HAUM tut dies unter anderem mit einer Erweiterung des Bereiches Kunstvermittlung. Neben altbewährten Angeboten wie dem Audioguide für Erwachsene und Kinder gibt es neue Vermittlungsformate wie das Besucherinformationssystem „EyeVisit“ – oder den intuitiv bedienbaren Interaktionstisch. Hier werden auf spielerische, niedrigschwellige Art und Weise 70 wichtige Kunstwerke aus den Sammlungen vorgestellt. Klickt ein Besucher beispielsweise das Selbstbildnis von Giorgiones, öffnet sich ein, in dem unter anderem erklärt wird, warum der Künstler auf dem Bild eine Rüstung trägt. „Wenn wir zu einem Bild wissenschaftliche Texte schreiben, dauert das einen ganzen Tag. Den verstehen dann aber auch nicht alle. Deshalb sind diese Erklärungen ganz einfach verfasst, ganz ohne Fremdwörter“, erzählt Professor Luckhardt. Damit die Inhalte des Informationstisches direkt vor dem jeweiligen Kunstwerk aufgerufen werden können, hält die Museumskasse zusätzlich ausleihbare iPads vor.

Orientieren und Andocken

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Ein Einblick in die Gemäldegalerie.

Auch bei der Neukonzeptionierung der Ausstellung stand die größtmögliche Besucherorientierung ganz oben auf der Prioritätenliste, ohne dabei die Prachtentfaltung einer der weltweit bedeutendsten Sammlungen frühneuzeitlicher Kunst spürbar einzuschränken.
„4000 Kunstwerke auf 38 Ausstellungsräume und drei Etagen verteilt können den Besucher leicht überfordern“, meint Luckhardt. „Unser Lösungsansatz lautet daher: optisch auf Abwechslungsreichtum setzen und inhaltlich Themen wählen, an denen der heutige Besucher andocken kann.“ So ist die Altmeister-Sammlung der Gemäldegalerie mit hochkarätigen Werken des 16. bis 18. Jahrhunderts aus Italien, Holland, Flandern, Frankreich und Deutschland sorgsam kategorisiert worden. Die Räume haben eindeutige Überschriften wie: Erzählkunst – Italienische Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts, Familienbilder – Rembrandts Braunschweiger „Familienbild“ im Kontext oder Sinnbilder – Niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts. Besonders wichtige Werke sind zudem bevorzugt nah an der Hauptachse platziert, was besonders eiligen Besuchern das Auffinden der Schlüsselpositionen erleichtert.

Skulpturen, Angewandte Kunst und Kupferstich

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Edle Vitrinen und eine Lichtstärke von gerade einmal 50 Lux ermöglichen ein Seherlebnis, dass dem Studiensaal des Kupferstichkabinetts ähnelt.

Im zweiten Obergeschoss, wo im Bereich Skulpturen und Angewandte Kunst allein 3500 der 4000 ausgewählten Kunstwerke gezeigt werden, sorgt ein Parcours-artiger Rundgang für Abwechslung zwischen dichter Inszenierung und großzügiger Raumgestaltung. Weitaus übersichtlicher ist der mit edlen Vitrinen eingerichtete Ausstellungsraum „Kunst und Papier“ im Erdgeschoss. Diese ermöglichen bei einer erlaubten Lichtstärke von gerade einmal 50 Lux ein unmittelbares Seherlebnis, das dem Umgang mit grafischen Werken auf den Tischen im Studiensaal des Kupferstichkabinetts ähnelt.

Geöffnet ist das Herzog Anton Ulrich-Museum von Dienstag bis Sonntag von 11:00 bis:00 18 Uhr.

Informationen:
3landesmuseen.de
blog.haum.info

Text und Fotos: André Pause

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