Kreativort Braunschweig

Früher war Braunschweig für ihn die Großstadt nebenan. Falk-Martin Drescher stammt aus Peine, doch irgendwann wollte auch er die Braunschweiger Luft schnuppern und zog seiner Schwester hinterher die hatte das Braunschweig-Fieber schon früher gepackt. Zu Beginn arbeitete der derzeitige Präsident der KreativRegion Braunschweig-Wolfsburg als Fotograf im Nachtleben, lernte so Szene und Leute kennen und knüpfte Kontakte.

Sind Sie gebürtiger Braunschweiger, Herr Drescher?
Nein, ich bin gebürtiger Peiner und auf dem Dorf aufgewachsen. Mein Vater kam aber aus Braunschweig und meine große Schwester ist schon in jungen Jahren nach Braunschweig gezogen. Ich hab sie immer gern besucht. Für mich stand dann früh fest, dass ich a) in der Region bleiben und b) nach Braunschweig will. Im Herzen bin ich also gebürtiger Braunschweiger. (lacht)

Und hat Braunschweig Ihre Erwartungen erfüllt?

Ich habe nach meinem Umzug angefangen, als Fotograf im Nachtleben zu arbeiten. Dabei habe ich die Stadt eigentlich erst richtig kennengelernt. Ich habe mich in der Bar- und Clubszene direkt wohlgefühlt. Gleichzeitig gab und gibt es ein breites Angebot an Kunst und Kultur. Ich bin jemand, dem auf der einen Seite der kreative Spirit einer Stadt wichtig ist, auf der anderen Seite lege ich aber auch Wert auf einen historischen Kontext, und Braunschweig ist einfach eine sehr historische Stadt. Viele beschreiben sie auch als nicht zu groß und nicht zu klein – das trifft es in meinen Augen sehr gut.

Sie sind Präsident der KreativRegion Braunschweig-Wolfsburg Was genau ist das? Was macht diese KreativRegion aus?

Die KreativRegion ist der Verband für die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Region Braunschweig Wolfsburg. Wir setzen uns dafür ein, die Arbeitsbedingungen der Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft zu verbessern; die ist aufgeteilt in elf Teilbranchen: Architekturmarkt, Buchmarkt, Designwirtschaft, Filmwirtschaft, Kunstmarkt, Markt für darstellende Künste, Musikwirtschaft, Pressemarkt, Rundfunkwirtschaft, Software- und Games-Industrie sowie Werbemarkt.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wurde erst vor ein paar Jahren definiert und wir haben in der Region ungefähr 11.000 Beschäftigte in diesem Bereich. Wir wollen die Arbeitsbedingungen der Kreativen verbessern und ihnen Plattformen geben, um sich auszutauschen und zusammenzukommen. Am Ende des Tages kann der Architekt vom Fotografen und der Schauspieler vom Musiker oder vom Radiomachenden etwas lernen – dahin muss man die Leute ein bisschen führen. Allgemein machen wir auch Imagearbeit für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Das heißt, wir sagen den Unternehmen: Wir haben so viele Talente hier, ihr müsst nicht eine Designagentur aus Berlin oder Hamburg beschäftigen. Auf der anderen Seite wollen wir aber auch die Kreativität in der Stadt fördern und beflügeln. Aus den Hochschulen in der Region, der Technischen Universität, der Hochschule für bildende Künste, der Ostfalia, der Welfenakademie und anderen Ausbildungsstätten gehen so viele kreative Köpfe hervor. Wenn man den Studierenden nicht aufzeigt, dass wir eine kreative Stadt sind, ihnen keine geeigneten Rahmenbedingungen schafft, dann wandern sie ab – dorthin, wo sie das Gefühl haben: „Diese Stadt ist kreativ“. Aber Braunschweig ist kreativ! Wir versuchen, dieses Thema noch weiter nach vorne zu bringen. Einfach gesagt ist unser Ziel: Jobs in die Region holen und Jobs in der Region halten.

Wie sieht Ihre Arbeit in der Praxis aus?

Wir initiieren zum Beispiel Veranstaltungen. Unsere größte Veranstaltung, „Marktplatz“, findet zweimal im Jahr statt. Da gibt es gibt Vorträge, interaktive Meetings und Präsentationen. So sollen neue Kontakte,auch Kundenkontakte, entstehen. Und wir wollen natürlich die Kreativen aus der Region zusammenholen, um überhaupt zu zeigen, dass es die KreativRegion gibt.

Außerdem gibt es eine Veranstaltungsreihe namens „11hoch11“. Die findet jeden Monat statt und stellt jedes Mal eine Teilbranche vor: mal den Pressemarkt, mal die Musikwirtschaft, mal die Software-/Games-Industrie, die hier in Braunschweig ja auch sehr stark ist. Wir stellen aus jeder Teilbranche drei Akteure vor, die über sich, über ihre Agentur oder ihr Projekt sprechen. Damit wollen wir den Leuten zeigen, dass wir viele interessante Start-ups, Unternehmer und auch Projekte in der Region haben. Danach treffen sich die Teilnehmer und tauschen sich bei einem Snack und Getränken aus.

Natürlich betreiben wir auch Öffentlichkeitsarbeit für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Führen ebenso Gespräche mit der Politik. Wir werden dabei von der Stadt Braunschweig unterstützt, die das Thema auch extrem wichtig findet. Das freut uns natürlich! Wir arbeiten mit Partnern wie dem Braunschweiger Stadtmarketing zusammen, der Allianz für die Region oder der Braunschweig Zukunft GmbH. Wir präsentieren uns auch auf anderen Veranstaltungen, werden von anderen Institutionen und anderen Städten eingeladen, um die KreativRegion vorzustellen. Wir haben auch ein kreatives Branchenbuch, in dem es um das Thema Sichtbarkeit geht. Da kann jeder Kreative aus der Region sich und sein Portfolio vorstellen. Wir sehen uns als „Teilchenbeschleuniger“ für Kreative, denen manchmal einfach die Förderung fehlt oder auch mal Kontakte. Und wenn Politik, Wirtschaft oder Öffentlichkeit einen Ansprechpartner brauchen, versuchen wir das entgegenzunehmen und zu bündeln und umgekehrt. Das ist Teil unserer täglichen Arbeit. Es gibt noch weit mehr. Wir versuchen zum Beispiel auch die Arbeitsbedingungen zu verbessern, neue Arbeitsmodelle wie Coworking Spaces und moderne Bürogemeinschaften zu unterstützen – Kreative brauchen und wünschen diese Arbeitsformen.

Braunschweig als Kreativort was sagen Sie dazu?

Braunschweig zeichnet als Kreativort aus – das traue ich mich vor allem nach den letzten zwei bis drei Jahren zu sagen –, dass es hier sehr viele, sehr engagierte kreative Köpfe gibt, Anzahl steigend. Die haben gute Ideen und die gehen nicht in eine andere Stadt oder behalten ihre Ideen für sich, sondern machen es einfach mal. Und es werden immer mehr, die sich mit anderen zusammentun.

Es muss nicht immer die große Stadt und das große Geld sein – es braucht nur ein paar gute kreative Köpfe und gute Kontakte. Das ist auch der Vorteil von Braunschweig – über ein paar Ecken kennt man irgendwie jeden. Da kann man sich auch schnell für sein Projekt die Leute zusammenholen, die man braucht. So entstehen hier in den letzten Jahren immer mehr kreative Kerne, die sich entwickeln und größer werden. Das wird auch in der Öffentlichkeit zunehmend wahrgenommen – und das ist für Braunschweig wichtig.

Was ist Ihre Vision für Braunschweig?

Ich finde, man sollte den kreativen Geistern auf der einen Seite Raum geben, sich zu entfalten. Damit meine ich mehr Räumlichkeiten für Gründer, für Start-ups und kreative Leute. Dieser Austausch ist einfach total wichtig, das kann noch mehr werden. Auf der anderen Seite geht es um Räume in Form von städtischen Strukturen – Veranstaltungsgenehmigungen und Förderungen. Die können noch mehr auf Kreative, junge Gründer und talentierte Freigeister angepasst werden. Auch da sind wir schon auf einem guten Weg. Das junge Potential durch HBK, TU und Ostfalia muss auch weiter nach außen getragen werden. Oft bleiben die ganzen tollen Projekte und Ideen auf dem Campus. Die müssen viel mehr an und in die Stadt getragen werden.

Es gibt dieses Schlagwort „Stadt als Campus“. Manchmal gibt’s Leerstände in der Stadt und diese können noch viel mehr dafür genutzt werden, um Kunstprojekte vorzustellen – für Lesungen, für Partys. Die müssen bespielt werden, die Studenten müssen Räume bekommen, da müssen Ausstellungen stattfinden! Das sind alles Flächen mit Potential und die schlummern so vor sich hin und das ist das, was ich mit „Raum geben“ meine. Im Umkehrschluss fühle ich mich doch gleich viel besser, wenn ich hier wohne und weiß: Die Innenstadt lebt, da sind total viele künstlerische Projekte, Ausstellungen, Independentgeschichten. Auch wenn ich als Tourist in der Stadt bin, da merke ich ja, es gibt renommierte Museen, es gibt aber auch alternative Projekte von Studenten oder Vereinen in Leerständen, die sind total trendy und szenig. Das beflügelt so eine Stadt. Eine Stadt wird zugleich durch ihre Hochkultur und Subkultur geprägt.

Meine Vision für Braunschweig ist, dass ich auf der einen Seite diesen Kern unterstütze, aber auch mitgestalte. Ich finde das Mitgestalten ebenfalls wichtig, denn ich kann mich nicht einfach nur beschweren und sagen „ist ja total doof hier“. Ich muss es einfach mal in die Hand nehmen und etwas dagegen machen. Deswegen engagiere ich mich für die KreativRegion, deswegen engagiere ich mich fürs Kultviertel und deswegen stelle ich selbst Veranstaltungen auf die Beine und beteilige mich an Vereinen und organisiere etwa auch Spendenaktionen. Ich mache Projekte, einfach weil ich dafür brenne und weil es mir wichtig ist, etwas für Braunschweig zu tun. Ich lebe in Braunschweig, ich liebe Braunschweig, mir liegt Braunschweig am Herzen und ich möchte die Stadt mit nach vorne bringen – das ist mein Anteil an dieser kreativen Szene und an dieser Vorstellung, die ich von „meiner“ Stadt habe. Und wenn es in einer Stadt viele solcher Menschen gibt, die nicht nur sagen „ich will was“, sondern „ich mache was“, dann entsteht so etwas, wie es sich hier gerade entwickelt. All das weiterzuentwickeln – das ist meine Vision.

Eine der Gastronomien am Bankplatz:  Die Vielharmonie. Foto: Daniel Möller

Eine der Gastronomien am Bankplatz: Die Vielharmonie. Foto: Daniel Möller

Was ist Ihr persönlicher Geheimtipp in Braunschweig?

Ich bin total gerne auf dem Nussberg und schaue auf die Stadt. Von dort hat man einen total schönen Blick aufs Grün. Auch wer Silvester nicht weiß, was er machen will, der muss sich einfach mal um Mitternacht auf den Nussberg stellen und die Stadt beobachten – da sieht man 45 Minuten lang ein umwerfend schönes Feuerwerk.

Und ein wirklicher Geheimtipp ist der Bankplatz. Viele kennen den Kohlmarkt oder den Altstadtmarkt als Platz zum Sitzen und Genießen, aber der Bankplatz ist nach der Umgestaltung wirklich schön geworden. Und damit könnte ich dann auch den Bogen zum Kultviertel schlagen. Das ist ein Quartier, das alle Gegensätze zusammenbringt. Da gibt es Kirchen, Moscheen, es gibt Rechtsanwälte, Ärzte, Prostituierte, es gibt Tagesgastronomien, Restaurants, aber auch Clubs, in denen man bis zum Morgen feiern kann. Das ist in meinen Augen Braunschweigs Kiez und irgendwie auch „mein“ Kiez, in dem ich mich wohlfühle

Wie würden Sie Braunschweig jemandem beschreiben, der die Stadt nicht kennt, aber mit dem Gedanken spielt, hierherzuziehen?

Braunschweig ist ein mittelgroßes Oberzentrum. An sich eine sehr traditionelle Stadt, mit einigen sehr schön erhaltenen Gebäuden, mit vielen Objekten und Orten mit einer sehr interessanten Geschichte, einem großen historischen Kontext, auf den sie auch sehr viel Wert legt. Eine Stadt, die viel Kunst und Kultur bietet – das Staatstheater, viele freie Theater, viel independent, viele kleinere Galerien und Theater.

Es gibt in Braunschweig auf der einen Seite die Innenstadt mit den Geschäften, die man so kennt, aber auf der anderen Seite legen wir Braunschweiger auch Wert auf Individualität und das macht Braunschweig auch aus, diese Individualunternehmer, denen die Braunschweiger die Treue halten. Beispielsweise der Buchhändler, der es schafft, sich gegen die Franchise-Unternehmen durchzusetzen. Es sind allgemein viele familiengeführte Unternehmen und die sind mir wichtig. Einige von ihnen haben sich zu Global Playern entwickelt. Neulich war ich zum Beispiel in Oslo. Denen hat Braunschweig nichts gesagt und dann ließ ich Begriffe wie Volkswagen fallen – dann macht es bei den Leuten sofort „klick“. Ich bin ein bisschen jünger, ich will hier tagsüber viel genießen, aber abends auch noch etwas unternehmen. Wir haben in Braunschweig den Luxus – und das ist wirklich ein Luxus, wenn man das mit anderen Städten in der Größe vergleicht – dass wir wirklich innerhalb von Minuten diverse angesagte Restaurants, Bars und Clubs erreichen können. Innerhalb von fünf Minuten kann ich bestimmt 15 angesagte Orte anlaufen, von der kleinen Champusbar über das Studentencafé bis hin zum angesagten Restaurant und dem Afterhour-Club – das ist alles total geballt. Mir fällt keine Stadt in der Größe ein, die das bieten kann. Und diese Vermengung macht Braunschweig aus. Die Braunschweiger stehen außerdem für ihre Stadt ein, die sagen mit breiter Brust: „Wir sind Braunschweiger“.

In vielen Themen hat Braunschweig neue Maßstäbe gesetzt. Sei es beim Thema Atomuhr, Trikotwerbung oder Forschungsintensität. Hier in Braunschweig ist beispielsweise das erste unbemannte Fahrzeug auf öffentlichen Straßen gefahren – noch bevor Google ihre Fahrzeuge in den USA gestartet haben. Und das ist ein Projekt der TU Braunschweig.

 

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