Lichter und Farben für die Stadt

Mehr als zwei Jahre haben Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse und ihr Team am vierten Braunschweiger Lichtparcours gearbeitet, Gespräche mit Künstlern, Agenturen und Geldgebern geführt. Jetzt leuchtet es endlich wieder in der Stadt.

15 Installationen im Stadtraum

Insgesamt 15 Arbeiten, die den Stadtraum rudimentär in ein neues Licht rücken, warten darauf entdeckt zu werden. Drei Installationen sind dabei alte Bekannte: Yvonne Goulbiers „Evokation in Rot“ verwandelt die Theaterbrücke in den Dämmerstunden und der Nacht seit nunmehr acht Jahren in eine bezaubernde, rotschimmernde Märchenlandschaft. 2004 hat Mark Dion seinen „Elster Flohmarkt“ in der Sonnenstraße eingerichtet, und Fabrizio Plessis „Bogen der Erinnerung“ am Sparkassenhochhaus ist bereits seit dem Lichtparcours-Debüt im Jahr 2000 auf Sendung.

Auf vielen Wegen erreichbar

Sowohl die drei alten als auch elf der zwölf neuen Objekte lassen sich zu Fuß bei einem ausgedehnten Spaziergang, mit Einschränkungen vom Boot auf der Oker aus, am besten jedoch mit dem Fahrrad erkunden. Der Einstieg in den Parcours, der mit der Arbeit „The Portal“ des Kollektivs Studio Drift auch den leerstehenden Kornspeicher am Veltenhöfer Hafen bespielt, kann frei gewählt werden. Die Werke sprechen für sich und können solitär betrachtet werden. Neu ist, und das war in den Jahren 2000, 2004 und 2010 anders, dass sie 24 Stunden am Tag wahrnehmbar sind.

Vom Petritorwall bis zum Campus

Licht und Luft: Die Installation von Andreas Fischer OWN-AUS. Foto: André Pause

Licht und Luft: Die Installation von Andreas Fischer OWN-AUS. Foto: André Pause

Die offizielle erste Station markiert Andreas Fischers „OWN-AUS“ am Petritorwall. An einer kleinen Hütte neben dem Kiosk prangen die Schriftzüge „OWN“ und „AIR“. Ist das Häuschen eine kleine Filiale? Wird hier statt Naschwerk, Getränken und Zeitschriften einfach nur Luft verkauft? Oder ist es die Einladung des Künstlers, bei einer Kunsterkundungstour Luft zu schnappen?

Wer die Einladung annimmt, hat nur einen guten Steinwurf weiter, am Standort Löbbeckes Insel die Gelegenheit „You and I, wandering on the snake’s tail“ von Thilo Frank zu entdecken. Der sich um die Mittelachse windende tunnelartige Weg aus Holzrahmen sieht aus der Entfernung aus, wie das Skelett eines UFOs.

Die idyllische Lage dieser Position lädt ebenso zum Verweilen ein, wie „Satelliten“, der Beitrag des Instituts für Architekturbezogene Kunst auf dem Campus der Technischen Universität. Tagsüber spiegeln sich die mit einer Basisstation am Ufer verbundenen schwimmenden Stahlrahmenquader mit weißer Schirmseidenhülle auf der Wasseroberfläche, abends strahlen sie, gleichmäßig erleuchtet, Wärme aus.

Farbspektakel am Gartenhaus Haeckel und am Museumswall

Wie im Winterwonderland: Das Gartenhaus Haeckel hat Kevin Schmidt weihnachtlich geschmückt. Foto: André Pause.

Wie im Winterwonderland: Das Gartenhaus Haeckel hat Kevin Schmidt weihnachtlich geschmückt. Foto: André Pause.

Die zahlreichsten – und für den Verfasser dieser Zeilen zugleich interessantesten – Arbeiten des Parcours befinden sich am östlichen Umflutgraben der Oker. Kevin Schmitdt hat sich das Innen und Außen des Gartenhauses Haeckel im Theaterpark vorgenommen. Aufwendig zeichnet der kanadische Künstler die Fassade mit Hilfe von unendlich vielen LED-Leuchten nach, die eruptiv aufscheinen. Dabei wechseln die geometrischen Lichtmuster die Farbe. Der Optik zugrunde liegt ein Sound, der vor Ort über die Radiofrequenz 96,80 MHz empfangbar ist.

Nicht mit dem Sound, aber ebenso mit strengen geometrischen Formen sowie mit Spiegelungen und Reflektionen beschäftigt sich Kai Schiemenz Balkenensemble „Bastion Beauté“. Das grelle, orange-grün-pinke Gebilde befindet sich etwas versteckt auf einer Anhöhe der Parkanlage Museumswall und sucht den größtmöglichen Kontrast zur milden Umgebung.

Geradezu unaufgeregt ist dagegen der Zusammenprall von Natur und serieller Technik am Löwenwall. Hier hat Michael Sailsdorfer einer Straßenlaterne einen riesigen Sockel gegenübergestellt, auf dem eine bronzene Katze aus kürzester Entfernung ins Licht blickt.

Das hellblaue Highlight am John-F.-Kennedy-Platz

Lichtpavillon "Bei Pess u. Puse" von Tobias Rehberger. Foto: André Pause

Lichtpavillon „Bei Pess u. Puse“ von Tobias Rehberger. Foto: André Pause

Die spektakulärste Arbeit im südlichen Teil des Parcours dürfte Tobias Rehbergers „BEI PESS u. PUSE“ sein. Die Gestaltung des hellblau schimmernden Kunstimbisses am John-F.-Kennedy-Platz greift die Ästhetik einer alten Leuchtwerbung an der gegenüberliegenden Fassadenseite auf. Die Installation ist zugleich eine Hommage an Rem Koolhaas’ Konzerthalle Casa da Música in Porto.

Danica Dakics „Flashback“ unter dem Bogen der Drachenbrücke, Björn Dahlems verschachtelte Galaxienskulptur „M-Sphären (Seyfert 2)“ im Bürgerpark und Elin Hansdóttirs nur mittelbar beleuchtete Arbeit „Cast“ sollten im Sinne einer größtmöglichen Wirkmacht nicht erst bei völliger Dunkelheit besucht werden.

Kultur = Kapital

Diese war dem markanten LED-Schriftzug „Kultur = Kapital“ an den Portikus-Säulen der Schloss-Rekonstruktion vom Fleck weg garantiert. Die gleichnamige Arbeit, die Alfredo Jaar angelehnt an Joseph Beuys’ These, nach der Kunst gleich Kapital ist, auch schon in Miami, Helsinki und Turin gezeigt hat, ist ein Spiel mit der Mehrdeutigkeit. Der Betrachter kann es einerseits so interpretieren, dass die Kultur – unsere Bildung, unsere Zivilisation – unser Kapital darstellt. Aber auch der Gedanke, dass nur wer über Kapital verfügt, auch die nötigen Mittel für eine kulturelle Teilhabe hat, kann entstehen. Eine dritte Möglichkeit der Deutung schließlich lässt die einzelhandelsnahe Platzierung der Arbeit zu: eure Kultur ist nichts als Konsum.

Ganz egal, zu welchem Schluss Sie an dieser Stelle persönlich kommen: Genießen Sie die Lichter und Farben des Lichtparcours 2016 – bis zum 22. September.

Zahlreiche Vermittlungsangebote

Leuchtende Bastion Beauté von Kai Schiemenz. Foto: André Pause

Leuchtende Bastion Beauté von Kai Schiemenz. Foto: André Pause

Die Ausstellung wird um ein umfangreiches Rahmen- und Vermittlungsangebot ergänzt. Neben einer Filmreihe, Workshops für Kinder, Lesungen, Konzerten werden Spaziergänge mit Braunschweiger Persönlichkeiten, darunter Oberbürgermeister Ulrich Markurth angeboten. Die Ausstellung kann individuell oder im Rahmen von Führungen besucht werden, die das Stadtmarketing Braunschweig organisiert. Zu Fuß, auf dem Boot oder dem Floß, auf dem Fahrrad oder dem Segway werden die Werke in täglich bis zu elf Führungen erkundet.

Alle Informationen zum Lichtparcours unter www.lichtparcours.de sowie unter www.braunschweig.de/angebote-lichtparcours.

 

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