„Keiner darf verloren gehen“

„Ich zeige Ihnen jetzt natürlich nur einzelne Abschnitte des Gebäudes. Wenn ich eine komplette Führung mache, dauert das ungefähr zwei Stunden“, erzählt Uwe Gelowik. Der Leiter der New Yorker Musische Akademie im CJD Braunschweig präsentiert sein Institut nicht ohne Stolz, öffnet eine Tür nach der anderen zu immer neuen Räumen, von der ersten bis in die vierte Etage.

Viel Platz zum Lernen

Uwe Gelowik ist Leiter der Musischen Akademie. Foto: Musische Akademie

Uwe Gelowik ist Leiter der Musischen Akademie. Foto: Musische Akademie

Das Gebäude am Neustadtring 9 gehört dem Hauptsponsor Friedrich Knapp. Dessen Modeunternehmen wurde zum Namenssponsor der Musischen Akademie, als diese das Haus bezog. „Wir dürfen die Räumlichkeiten nutzen, nachdem sie komplett kernsaniert und für unsere Bedürfnisse neu gestaltet wurden“, so Gelowik. 4.000 Quadratmeter werden hier bespielt, wer das erste Mal vor Ort ist, kann sich im Labyrinth der Flure glatt verlaufen.

Gebraucht wird der Platz freilich. 1.600 Schüler nutzen die Angebote der Musischen Akademie derzeit: 1.200 im Bereich Musik, jeweils 200 Lernwillige kommen zu den Kursen der Sparten Kunst und Tanz. Darüber hinaus gibt es Kooperationen des Dreispartenhauses mit Braunschweiger Grundschulen und Kindergärten. Ein Teil der insgesamt 45 Lehrkräfte erteilt dort im Zeitfenster der AGs am Nachmittag Unterricht. „Viele Grundschulen haben durch den Ganztagsschulerlass bis 15 oder 16 Uhr geöffnet. Wenn der curriculare Kernunterricht um 13 oder 14 Uhr zu Ende ist, gehen wir dort mit musischen Angeboten rein. Das kann mal ein Kunst- oder ein Chorangebot sein oder auch ein Blockflötenensemble. Das ist alles möglich und für die Schüler kostenfrei“, sagt Gelowik der selbst Musik und Germanistik studiert hat und das Institut seit August 2011 leitet.

Die kulturelle Bildungs- und Begegnungsstätte

Der gebürtige Braunschweiger hält damit die Idee einer ganzheitlichen kulturellen Bildungsstätte für die Stadt und die Umgebung aufrecht, die sich als Institution für musische Bildung, praxisorientierte Breitenarbeit, Kreativitätsentwicklung, Förderung musischer Hochbegabungen und kultureller Begegnung versteht. „Wir sind ein Haus des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschland, einem bundesweiten Verein der in allen Bundesländern insgesamt 150.000 Menschen betreut. In Braunschweig betreibt das CJD fünf Häuser: ein Gymnasium, eine Grundschule, ein Internat, eine internationale Schule und die Musische Akademie. Wir sind also ein kleiner Bereich dieses großen CJD“, skizziert Gelowik.

Zu eigen gemacht hat sich die Musische Akademie den christlichen Leitspruch ihres Trägers: „Keiner darf verloren gehen!“ Dazu gehöre, so der Leiter, dass das Haus allen Menschen offen steht, unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft oder religiöser Überzeugung. „Zu uns kommt einfach ein Mensch, der sich in einem bestimmten Bereich fortbilden möchte, und wir gucken, wo wir das passende Angebot finden.“

Vielfältiges Unterrichtsportfolio

Neben Musik und Tanz werden die Schüler an der Musischen Akademie auch in der Kunst gefördert.

Neben Musik und Tanz werden die Schüler an der Musischen Akademie auch in der Kunst gefördert.

Die Möglichkeiten der musischen Horizonterweiterung sind entsprechend vielfältig. Im Musiksegment wird Unterricht für Akkordeon, Blech- und Holzblasinstrumente, Streich-, Schlag- und Tasteninstrumente, Gitarre und Gesang angeboten. Auch die musikalische Frühförderung und Früherziehung (nach der Suzuki-Methode) sowie die Arbeit in zahlreichen Ensembles und spartenübergreifenden Projekten ist möglich. Im Bereich der Kunst wird in sämtlichen Altersklassen gemalt, gezeichnet oder getöpfert, und wer tanzen möchte, hat die Wahl zwischen Flamenco und Kathak, klassischem Ballett, Streetstyle, Modern Dance und Urban Classic Dance. Nicht unbedingt in die Kategorie der musischen Bildung fallen Kochkurse, die ebenfalls angeboten werden.

Qualitativ hochwertige Ausbildung

Eine entscheidende Rolle spielt in der Musischen Akademie seit jeher die Talentförderung. „Wir haben einige Musiker im Haus, die Bundespreisträger beim renommierten Wettbewerb „Jugend musiziert“ sind. Der wird seit 51 Jahren durchgeführt. Deutschlandweit starten etwa 24.000 Jugendliche, und am Ende sind dann noch 2.000 für den Bundeswettbewerb übrig. Darunter befinden sich viele Schüler der Akademie“, freut sich Uwe Gelowik. Auch für Günther Westenberger, der das Institut 1999 gemeinsam mit CJD-Braunschweig-Leiterin Ursula Hellert ins Leben gerufen hat, ist das Abschneiden bei „Jugend musiziert“ ein Indikator für die Qualität der Ausbildung. „Wenn man wirklich einen hohen Anspruch an den Unterricht hat, kann man im Grunde nur zur Städtischen Musikschule oder zur Musischen Akademie gehen“, findet der Flötist des Staatsorchesters Braunschweig, dem die Vermittlung von Kultur seit langem am Herzen liegt.

Die Entstehung und Entwicklung des Instituts

Vom klassischen Ballett bis Modern Dance - die Tänzerinnen und Tänzer der Akademie tanzen auf einem hohen Level. Foto: Musische Akademie

Vom klassischen Ballett bis Modern Dance – die Tänzerinnen und Tänzer der Akademie tanzen auf einem hohen Level. Foto: Musische Akademie

„Die Idee, mal ein Institut zu betreiben und zu entwickeln, welches keine reine Musikschule, Jugendkunstschule oder Ballettschule ist, hatte ich schon zu Studienzeiten. Alle musischen Bildungsinhalte sollten unter einem Dach in einer Institution vereint sein: Musik, Tanz, bildende Kunst, kreatives Schreiben und Literatur sowie Theater – das waren die Sparten, die ich in den ersten vier fünf Jahren mit der Musischen Akademie realisiert habe“, erinnert sich Westenberger. Ohne Kritik sei das damals nicht vonstatten gegangen, sowohl intern als auch in der Stadt selbst. Die Leute hätten zunächst die Köpfe geschüttelt und die Schultern gezuckt, gesagt, dass es doch hier in irgendeiner Form schon alles gebe. „Das ganze wurde als harmloser und zum Scheitern verurteilter Versuch belächelt. Dieses Lächeln war aber nach drei Jahren passee, als wir an der 1.000-Schüler-Marke kratzten. Als ich die Musische Akademie 2007 verlassen habe, hatten wir schließlich 1.540 Schüler und 62 Lehrkräfte“, berichtet der Berufsmusiker.

Diese positive Entwicklung war dafür verantwortlich, dass dringend Ausschau nach einem eigenen Gebäude gehalten werden musste. Immer öfter kollidierten die Interessen mit denen des Gymnasiums, des Internats oder der Grundschule, so Westenberger rückblickend: „Wir haben uns in allen Räumen unglaublich breit gemacht, was intern zu Problemen führte. Schwierig für das CJD war zudem, dass die Musische Akademie sehr viel Aufmerksamkeit erhielt. Insofern war der Schritt mit dem eigenen Gebäude, sich geografisch ein bisschen aus dem Umfeld herauszulösen schon ganz richtig.“

Konzeptuelle Neuausrichtung

Für den Gründer, der das Institut mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Nord/LB Öffentliche (heute die Braunschweigische Stiftung) aufgebaut hatte, bedeutete der Ortswechsel das Ende seines Engagements für die Musische Akademie. Das Ausscheiden hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen wichen die insgesamt eher zeitgeistigen konzeptuellen Vorstellungen der Firma New Yorker von den hochkulturorientierten Günther Westenbergers nicht unerheblich ab. Ein weiteres Problem tat sich im organisatorischen Bereich auf. „Es war schon in den Vorjahren problematisch, dass der Leiter einer Musischen Akademie, einer großen Einrichtung, die eigentlich eines Vollzeitleiters bedurft hätte, zwei Vollzeitjobs machte. Da stand ich – solch ein Staatsorchester ist phasenweise auch viel unterwegs – als Ansprechpartner für Eltern, Schüler und Lehrkräfte nicht in dem Maße zur Verfügung, wie ich es gemusst hätte“, bemerkt der Flötist heute ohne Umschweife. Zwar habe er sich stets auf ein sehr gutes Team verlassen können, doch als die 1.000-Schüler-Marke überschritten war, sei das Institut keines mehr gewesen, was nebenbei hätte geführt werden können.

Musische Orientierung

Musikalische Früherziehung ist nur eines der vielen Angebote der Akademie. Foto: Musische Akademie

Schon die Kleinsten lernen Instrumente kennen. Foto: Musische Akademie

Heute sind die Strukturen gefestigt, die Bedingungen vor Ort optimal (die Musische Akademie ist All-Steinway-School, der Tanzsaal mit hochwertigem Schwingparkett ausgestattet etc.) und auch das Unterrichtsportfolio in allen drei Sparten wird immer wieder angepasst und erweitert. Als echtes Erfolgsprogramm habe sich zudem die vor drei Jahren eingeführte musische Orientierung herauskristallisiert. „Das ist eingeschlagen, wie eine Bombe. Mittlerweile sind wir in der siebten Staffel. Das Angebot richtet sich an hilflose Eltern, die gerne etwas für ihre fünf bis sieben Jahre alten Kinder machen wollen, aber nicht genau wissen, was. Wir bieten die Möglichkeit, über den begrenzten Zeitraum von sechs Monaten in alle drei Bereiche der Akademie adäquat hineinzuriechen“, erklärt Uwe Gelowik. Immer weniger Eltern würden sich über Jahre an einen Inhalt binden wollen, bei dem sie nicht wissen, ob er dem Kind nach drei Monaten noch gefällt, so der Institutsleiter: „Danach kann der Sohn oder die Tochter dann sagen: Ich möchte Kunst machen, Tanz oder Musik – oder aber Fußballspielen, was ja auch okay ist.“

Text: André Pause
Beitragsbild: Musische Akademie

Hinterlassen Sie einen Kommentar!

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder *