Wissenschaft

Happy Birthday, Haus der Wissenschaft! – Veranstaltungsspecial zum zehnjährigen Jubiläum

KIWI-Forscherinnen und Forscher im Agnes-Pockels-Labor der Technischen Universität Braunschweig. Foto: Haus der Wissenschaft/F. Koch

Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2007? Der 4. Klimaschutzbericht wird vorgestellt, die Rohölpreise erreichen ein neues Rekordhoch, eine weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise bahnt sich an, die Weltraumsonde Rosetta lässt sich vom Mars in die Tiefen das Weltalls katapultieren, in San Francisco wird ein gewisses iPhone vorgestellt – und in Braunschweig wird am 24.10.2017 die „Haus der Wissenschaft GmbH“ gegründet.

Brücke zwischen Wissenschaft und Stadtgesellschaft

Was haben diese ausgewählten Schlaglichter der Zeitgeschichte mit dem Haus der Wissenschaft gemeinsam? Sie haben nicht nur im gleichen Jahr ihren Anfang genommen, sie begleiten das Haus der Wissenschaft auch bis heute. Klimaerwärmung und Energieversorgung, Luft- und Raumfahrt oder moderne Kommunikationstechnologien: Das Haus der Wissenschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, die ganz großen Themen aus Forschung und Wissenschaft für jeden verständlich und nachvollziehbar zu machen. Im Haus der Wissenschaft wird die Tatsache, dass die Region Braunschweig zu den forschungsstärksten Regionen Europas zählt, konkret und erlebbar. Noch vor 13 Jahren war die Situation in Braunschweig eine andere: Die renommierten Forschungseinrichtungen waren im öffentlichen Bild der Stadt kaum sichtbar, der Wissenschaftsstandort Braunschweig nicht erkennbar. Ein „Turm der Wissenschaften“ sollte die Antwort sein. Kein unerreichbarer Elfenbeinturm, sondern eine Plattform, die die Aussicht auf eine faszinierende Umwelt mit einer breiten Öffentlichkeit teilt.

Haus der Wissenschaft mit Kuppel. Foto: Haus der Wissenschaft/A. Bormann

„Turm der Wissenschaften“ für Braunschweig

Ein Leuchtturm ist es in der Tat geworden – nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auch der Erscheinung nach. Seit 2009 residiert das Haus der Wissenschaft in den Räumen der ehemaligen pädagogischen Hochschule. Jenem Gebäude aus rotem Backstein, das dem Campus der Technischen Universität Braunschweig ein markantes Gesicht verleiht. Im Mai 2011 wurde die charakteristische Glaskuppel auf dem Dach errichtet, der Leuchtturm der Wissenschaft hatte seine bauliche Vollendung gefunden. Die Arbeit für Wissenschaft und Stadtgesellschaft begann aber nicht erst mit der Neueröffnung des Gebäudes. Die ersten innovativen Veranstaltungsformate präsentierte Markus Weißkopf, der erste Geschäftsführer der Haus der Wissenschaft GmbH, bereits Mitte 2008, gerade mal ein halbes Jahr nach der Gründung. Denn eins war den Ideengebern klar: Das Haus der Wissenschaft sollte nicht nur wie ein Leuchtturm aussehen, sondern auch wie einer wirken.

Von Braunschweig aus in die ganze Republik

KIWI-Forscherinnen und Forscher bauen Spaghettitürme und beschäftigen sich mit Architektur und Bauwesen. Foto: Haus der Wissenschaft/F. Koch

Innovativ, interaktiv, generationenübergreifend und interdisziplinär waren die Schlagworte für das zukünftige Veranstaltungsprogramm. Sie sind zum Schlüssel für den nachhaltigen Erfolg des Konzepts geworden. Gleich die erste große Veranstaltung sollte zu einem Dauerhit werden: der „Science-Slam“, erstmalig ausgerichtet am 6. Juni 2008. Das Kurzvortragsturnier von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern vor Publikum sollte von Braunschweig aus die ganze Republik erobern. 2009 folgten die „KiWi-Forschertage für Kinder“, ein Ferienprogramm für Schülerinnen und Schüler mit Experimenten, Seminaren und Erkundungstouren. Ebenfalls 2009 gestartet: die Diskussionsrunde „Tatsachen? Forschung unter der Lupe“ zu aktuellen Forschungsfragen aus Sicht unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen sowie der „Astroherbst“ mit Vorträgen zum Themengebiet Astronomie. Im Frühjahr 2010 ging dann die Veranstaltungsreihe „Logo – Wissenschaft aus Braunschweig“ in Kooperation mit NDR Info auf Sendung. Zu hören nicht nur im Radio, sondern natürlich auch live im Haus der Wissenschaft zu erleben.

Forscherwette zur European Researchers‘ Night 2014: 1271 Forscherinnen und Forscher zeigten mit aufgespannten Regenschirmen eindrucksvoll, welchen hohen Stellenwert Forschung in der Region Braunschweig hat. Foto: M. Kruszewski

Neue Formate für die Wissenschaftsvermittlung

Bis heute sind zahlreiche weitere Veranstaltungsformate und Projekte hinzugekommen. Vom ersten „Energiecafé“ (2010) über die „Luftfahrt der Zukunft“ (2011) und „Experten in der Schule“ (2011) bis hin zum „best choice-Slam“ (2016), dem Unternehmensslam für Jobsuchende und Berufseinsteiger. Events, die von Anfang an so erfolgreich waren, dass sie bis heute regelmäßig stattfinden. Hinzu kommen Highlights wie die „Streberschlacht“ (2012), das „Festival der Utopie“ (2013) oder die „European Researchers Night“ (2014) mitten in der Braunschweiger City. Verantwortlich hierfür: Dr. Karen Minna Oltersdorf, die im März 2012 die Geschäftsführung von Markus Weißkopf übernahm.

 „10 Jahre | 10 Tage“ – Start des großen Jubiläumsprogramms

Vor zehn Jahren ist das Haus der Wissenschaft angetreten, um eine dauerhafte Plattform für den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, der Stadt und ihren Bewohnern zu schaffen – Mission geglückt! Ein Jahrzehnt hochspannendes Edutainment auf Tuchfühlung mit alltäglicher Lebenswelt und außergewöhnlicher Wissenschaft wird gebührend gefeiert. Ein Best-of der erfolgreichsten Veranstaltungsformate steht auf dem zehntägigen Jubiläumsprogramm vom 11. bis 20. Oktober 2017: Spezialausgaben von „Kiwi-Forschertagen“, „Astroherbst“, „Energiecafé“ oder „Tatsachen? – Forschung unter der Lupe“ zum Beispiel.

Publikum beim Science Slam im Haus der Wissenschaft. Foto: Haus der Wissenschaft/F. Koch

Das Highlight zum Abschluss: „Giant Science Slam“

Am 20. Oktober wartet dann der ultimative Jubiläumsknaller auf die Geburtstagsgäste. Mit dem „Giant Science Slam“ veranstaltet das Haus der Wissenschaft seinen bis dato größten Science Slam. So groß, dass er in der Stadthalle Braunschweig stattfinden wird. Unter dem Motto „Ring frei für die besten Köpfe!“ treffen Deutschlands beste Science Slammer aufeinander. Ebenfalls live on stage: Die Braunschweiger Band You&Me im Anschluss an den Slam. Danach bittet DJ Fry (Profs@Turntables) auf die Tanzfläche. Karten für den Giant Science Slam sind unter www.konzertkasse.de oder 0531 16606 und in allen Ticket-Shops der Konzertkasse erhältlich (12 Euro, 7 Euro ermäßigt zzgl. VVK-Gebühr).

Text: Jan Engelken

Beitragsbild: Kernteam des Haus der Wissenschaft Braunschweig. Von l. n. r: Rebecca Jeske, Carina Teufel, Britta Eisenbarth, Dr. Karen Minna Oltersdorf. Das Team wird außerdem unterstützt von einem Auszubildenden, einer FSJlerin und studentischen Hilfskräften. Foto: Lasse Lehmann

Ideenküche Braunschweig

Zehn Jahre ist es her, dass Braunschweig den begehrten Titel „Stadt der Wissenschaft“ erhielt. Unter dem Motto „Ideenküche“ setzte sich die Löwenstadt im Jahr 2007 beim Wettbewerb des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft gegen renommierte Forschungsstandorte wie Freiburg und Aachen durch. Und es hat sich gelohnt: Heute ist Braunschweig laut einer EU-Studie das Herz einer der forschungsintensivsten Regionen Europas.

Als 2014 die Weltraumsonde „Rosetta“ der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA den Kometen Tschurjumow-Gerasimenko erreichte, um mit ihrer Landeeinheit „Philae“ erstmalig in der Geschichte der Raumfahrt auf einem Kometen zu landen, waren Braunschweiger Spezialisten hautnah dabei: Denn am hiesigen Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hatte man die Struktur der Sonde entwickelt, vergleichbar mit der Karosserie beim Auto. Vom Institut für Geophysik und Extraterrestrische Physik der Technischen Universität (TU) Braunschweig stammte Philaes Magnetometer zur Messung feinster magnetischer Ströme im Weltall. Und für die Instrumentenrechner ihres Massenspektrometers und ihrer Bordkamera zeichnete sich das Institut für Datentechnik und Kommunikationsnetze verantwortlich.

Braunschweig als Taktgeber

„Rosetta“ ist nur eines von vielen Beispielen für die Stärke der Region Braunschweig als Taktgeber für weltweit führende Grundlagenforschung und Innovation. Ob Elektromobilität und selbstfahrende Autos, das DLR und der zweitgrößte europäische Forschungsflughafen, Geisteswissenschaften und Schulbuchforschung oder Biotechnologie und Infektionsforschung – viele bedeutende Entwicklungen haben hier ihren Ursprung. Und Taktgeber ist Braunschweig sogar im wörtlichen Sinn: Dank der vier Atomuhren an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt.

Prof. Dr. Joachim Block ist Vorstandsvorsitzender des ForschungRegion e. V., wo sich Institute und Forschungsunternehmen organisieren. Foto: privat

„Braunschweiger Institutionen sind exzellent in der Physik, in der Mobilitätsforschung und im gesamten Bereich der Lebenswissenschaften: Infektionsforschung, Biotechnologie, Nutzpflanzen und vieles andere mehr“, weiß Prof. Dr. Joachim Block, Vorstandsvorsitzender des ForschungRegion Braunschweig e. V. „Aber auch die Stadt von morgen bildet einen Themenschwerpunkt, nicht nur in Bezug auf die Bauwissenschaften. Neben den ganz großen Schwerpunkten gibt es zahlreiche Highlights wie das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, hervorragende Fraunhofer-Institute und etliche Institute an der Technischen Universität, die auf ihren Fachgebieten führend sind. Unsere Hochschule für Bildende Künste bereichert das Ganze mit kreativen Glanzlichtern.“

Hauptamtlich ist Professor Block Standortleiter des DLR in Braunschweig und Göttingen. Der gebürtige Braunschweiger studierte Physik an der TU, bevor er zum DLR ging und dort auch an der Rosetta-Mission beteiligt war. Die Auszeichnung zur Stadt der Wissenschaft war für ihn eine besondere Ehre: „Es war schön zu erleben, dass der Wissenschaftsstandort Braunschweig endlich einmal die Sichtbarkeit erlangte, die ihm gebührt, auch überregional“, erinnert er sich. „Der Gewinn des Titels brachte den Durchbruch im öffentlichen Bewusstsein.“

Spitzenreiter in Europa

Seit den Tagen des großen Braunschweiger Mathematikers Carl Friedrich Gauß (1777-1855) hat sich also einiges getan. Heute arbeiten und forschen in Braunschweig mehr als 15.000 Menschen in rund 250 Firmen des Hochtechnologie-Sektors und 27 Forschungseinrichtungen. Somit verfügt die Region über eine der höchsten Wissenschaftlerdichten in Europa. Und Technische Universität, Fachhochschule Ostfalia und Hochschule für Bildende Künste (HBK) sorgen mit über 20.000 Studierenden für den Nachwuchs.

Anlässlich des Jubiläums „10 Jahre Stadt der Wissenschaft“ stehen Wissenschaft und Forschung in diesem Jahr mit zahlreichen Programmpunkten auf dem Menu der Ideenküche. „Der gemeinsame Höhepunkt der ForschungRegion und der Stadt Braunschweig wird ein zwölftägiges Programm im Zeitraum 15. bis 27. September sein, das wir auf dem Burgplatz auf einer besonderen Bühne, der ‚Cloud der Wissenschaft‘, präsentieren werden“, verspricht Prof. Block. „Experimente, Vorträge, Diskussionen, Mitmach-Aktionen und viele andere Formate sollen zeigen, wie vielseitig und spannend Forschung in Braunschweig ist.“ Auch das Haus der Wissenschaft, gegründet 2007 anlässlich des gewonnenen Wettbewerbs, feiert sein zehnjähriges Bestehen und ergänzt das Jubiläum mit einer Vielzahl von Aktionen, wie zum Beispiel einem Science Slam in der Stadthalle.

Alles rund ums Jubiläum „10 Jahre Stadt der Wissenschaft“ und das komplette Programm unter http://www.braunschweig.de/wirtschaft_wissenschaft/wissenschaftsportal/sdw2007_372488.html.

Text: Stephen Dietl
Artikelbild: Hauptgebäude der Technischen Universität. Foto: TU Braunschweig

Aufmerksamkeit für spannende Projekte

Das Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsanstalt für Ländliche Räume, Wald und Fischerei – kurz Thünen-Institut – besteht aus 14 Fachinstituten, die in den Bereichen Ökonomie, Ökologie und Technologie forschen und die Politik beraten.

Immo Sennewald arbeitet als Medienreferent im Präsidialbüro des Instituts. Auf dem Titelbild steht er neben der Büste von Namensgeber Johann Heinrich von Thünen. Das Institut eröffnet ihm, einem Wissenschaftsjournalisten, ein Arbeitsfeld mannigfacher Themen von großem gesellschaftlichen Interesse. Deshalb setzt er sich mit Neugier und Vergnügen dafür ein, den Wissenschaftlern und ihrer Arbeit gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen – durch eigene Publikationen, vor allem die Website, durch Kontaktpflege zu Produzenten und durch Medientraining für Forscher.

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie den Arbeitstag beginnen?

Die Vielzahl und Vielgestaltigkeit der Themen und Aufgaben erstaunt mich immer wieder. Die Zusammenarbeit im Team des Präsidialbüros lässt keine Wünsche offen, selbst der „Exot“ – aus der Selbständigkeit eines „Kreativberufs“ in die Anstellung bei einer Behörde gewechselt – kann sich kräftig einbringen, wird gefordert und gefördert, lernt im besten Sinn dazu.

Wie sehen die Arbeitszeitmodelle aus? Ist Karriere mit Familie vereinbar?

Das kann ich nur eingeschränkt beurteilen, da

a) ich altersbedingt keine Karriere mehr vor mir habe,
b) mein Zeitvertrag die Trennung von Heimatwohnsitz und Arbeitsplatz erforderte, aber auch überschaubar machte,
c) Telearbeit eine zusätzliche Flexibilität zuließ.

Was gefällt Ihnen an Braunschweig?

Es ist eine sehr lebendige Stadt mit viel studentischer Jugend und einem großen Kulturangebot, auch mit großen historischen und sozialen Klüften. Das bedeutet einiges Potential; ein besseres Zusammenspiel von Wirtschaft und Wissenschaft hülfe Braunschweig, es zu erschließen. Der Charme der Stadt hat sich mir noch nicht ganz erschließen wollen, und für Fußballstadien bin ich ungeeignet.

Haben Sie einen Lieblingsplatz in Braunschweig?

St. Andreas und die Parks in der Nähe, die Wege an der Oker entlang, Plätze, an denen Rauchen erlaubt ist.

Das Thünen-Institut an der Bundesallee 50 in Braunschweig.

Das Thünen-Institut an der Bundesallee 50 in Braunschweig.

Große Forschung an kleinsten Organismen

Haben Sie zufällig schon Bekanntschaft mit Clostridium difficile gemacht? Nein? Sehr gut, denn Clostridium difficile gehört zu den gefährlichen „Krankenhauskeimen“, die weltweit auf dem Vormarsch und nur schwer therapierbar sind. Das neue Braunschweiger Zentrum für Systembiologie BRICS hat diesem Bakterium den Kampf angesagt. Das gemeinsame Forschungszentrum der Technischen Universität Braunschweig und des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) am Zentralcampus der TU steht kurz vor der Eröffnung und bietet auf 3500m² zweihundert Büro- sowie achtzig Laborarbeitsplätze. Was hier demnächst passieren wird? „Grundlagenforschung vom Feinsten“ nennt es die Geschäftsführerin des BRICS, Dr. Ida Retter. Mit dem Braunschweig Integrated Centre for Systems Biology leitet sie eines der fünf Carolo-Wilhemina-Forschungszentren der TU Braunschweig. Das gemeinsame Erfolgsrezept: Wissenschaft kann nur dann gut funktionieren, wenn unterschiedliche Fachbereiche zusammenkommen und im intensiven Austausch miteinander stehen. Dafür schafft das neue BRICS optimale Voraussetzungen, denn hier forschen Biologen, Chemiker, Physiker, Mathematiker, Ingenieure und Informatiker Seite an Seite unter einem Dach.

Jede dieser Disziplinen findet sich im komplexen Forschungsfeld der Systembiologie wieder, das zwei wesentliche Aspekte umfasst: auf der einen Seite geht es darum, die Gesamtheit einer biologischen Zelle mit all ihren Proteinen und Genen systematisch zu erfassen. Auf der anderen Seite wird versucht, mithilfe mathematischer Modelle biologische Prozesse in einer Zelle zu beschreiben, zu berechnen und vorherzusagen. In vierzehn Arbeitsgruppen werden am BRICS die experimentelle Forschung der Biologen mit der theoretischen Forschung von Ingenieuren, Physikern und Mathematiker zusammengeführt.

Ida Retter

Dr. Ida Retter leitet das Forschungszentrum BRICS. Foto: BRICS / TU Braunschweig

Das BRICS ist dabei in die biomedizinische Translationsallianz in Niedersachsen TRAIN eingebunden. Mit Translation ist der gesamte Prozess von der Grundlagenforschung im Labor bis hin zum Medikament gemeint, das BRICS steht am Anfang dieser Translationskette. „Wir sind für die Grundlagenforschung zuständig, bei uns wird Clostridium difficile komplett durchleuchtet. Anhand eines Modellorganismus werden Stoffwechsel und Genomsequenz genau studiert“, erläutert Geschäftsführerin Retter. Darüber hinaus werden in dem Projekt Toxine und deren Wirkung sowie die Epidemiologie, also die Ausbreitung von Krankheitserregern untersucht. Am Ende der Forschung sollen wirksame Medikamente gegen Clostridium difficile stehen, einem lebensbedrohlichen Durchfallerreger, der häufig erst nach einer Antibiotikabehandlung im Krankenhaus in Erscheinung tritt. Außerdem möchte man Strategien entwickeln, wie man die Verbreitung des Keims in Krankenhäusern oder Arztpraxen unterbindet oder eindämmt. Dabei arbeitet das BRICS mit Partnern aus Hannover, Göttingen, Greifswald und der ganzen Welt zusammen – „ein einzigartiges Netzwerk“, so Retter.

Aber es wird nicht nur ausschließlich an Clostridium difficile geforscht. Auch andere, weniger gefährliche Bakterien nimmt man am BRICS genau unter die Lupe. Wer sich für die Bereiche Mikrobiologie, Bioverfahrenstechnik, Biochemie, Bioinformatik, Systemimmunologie und modernste Forschung auf Weltniveau interessiert, der liegt hier richtig, gleiches gilt im Modellierungsbereich für Physiker, Mathematiker, Ingenieure und Informatiker. Stellenangebote werden u.a. auf der Seite der TU Braunschweig veröffentlicht.

Text: Jan Engelken, Artikelbild: BRICS / TU Braunschweig

Vernetzt in Braunschweig

Dr. Ida Retter ist Geschäftsführerin des Braunschweiger Zentrums für Systembiologie (BRICS). Sie wohnt in Braunschweig, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Im Interview lernen wir eine sympathische, weltoffene Persönlichkeit kennen, die sich mit Leib und Seele der Wissenschaft verschrieben hat, zugleich aber auch den schönen Künsten zugetan ist: Frau Dr. Retter liebt Kammermusik und spielt Violine im Louis Spohr Orchester Braunschweig.

Ida Retter koordiniert als Geschäftsführerin den Aufbau des BRICS. Foto: Frank Bierstedt

Ida Retter koordiniert als Geschäftsführerin den Aufbau des BRICS. Foto: Frank Bierstedt

Frau Dr. Retter, was ist das BRICS?

Das BRICS ist ein Forschungszentrum für Systembiologie, das die Technische Universität Braunschweig gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung HZI betreibt. Die TU hat mehrere solcher Forschungszentren, insgesamt fünf sogenannte Carolo-Wilhelmina-Zentren, die fast alle gemeinsam mit externen Forschungseinrichtungen in Braunschweig betrieben werden. Sie dienen ganz wesentlich der Vernetzung. Es geht darum, bestimmte Forschungsschwerpunkte zu fördern und durch die Vernetzung Synergien zu schaffen. Das bedeutet praktisch, dass ich als Wissenschaftlerin durch die Kooperation mit dem HZI Großgeräte nutzen kann, die ich in meinem Labor vielleicht nicht stehen habe – und andersrum. Man profitiert voneinander auf der thematischen, aber auch auf der experimentellen Ebene.

Was ist dort Ihre Aufgabe?

Das Forschungszentrum besteht aus Arbeitsgruppen der TU und des HZI, die in der Regel jeweils von einem Professor geleitet werden und alle unterschiedliche Forschungsthemen haben. Gemeinsam forschen sie aber alle zur Systembiologie. Meine Aufgabe ist es, die gemeinsamen Arbeiten zu organisieren. Ich bin die zentrale Ansprechpartnerin intern und extern, organisiere zum Beispiel Veranstaltungen im Forschungszentrum, koordiniere die Öffentlichkeitsarbeit …

… und Sie sind sicher auch mit dem BRICS-Neubau beschäftigt?

Ja, das ist im Moment ein Schwerpunkt meiner Arbeit. Unser Forschungsbau auf dem Zentralcampus der TU Braunschweig wird voraussichtlich Ende 2015 fertig sein. Dort arbeiten dann sieben bisher noch über die Stadt verstreute BRICS-Arbeitsgruppen unter einem Dach, das erleichtert die Kooperation natürlich enorm – wenn man zum Beispiel gemeinsam einen Kaffee trinken kann (lacht). Mit dem Bau selber habe ich natürlich nichts zu tun, ich bin ja keine Architektin, aber ich vertrete die Nutzerinteressen, das heißt, ich kommuniziere viel mit dem Staatlichen Baumanagement, damit der Bau später unsere speziellen Anforderungen erfüllt.

Welchen Stellenwert hat das BRICS auf regionaler, nationaler, internationaler Ebene?

Das BRICS führt natürlich Kooperationsprojekte durch, die über das Zentrum hinausgehen. In einem langfristig von der DFG geförderten Sonderforschungsbereich arbeiten wir zum Beispiel mit der Universität Oldenburg zusammen. Eine andere Kooperation besteht mit den Unis in Göttingen, Greifswald und Hannover – da geht es um ein wichtiges medizinisches Thema: Clostridien, das sind Krankheitserreger, die gefährliche Darmentzündungen mit Durchfall, Fieber und Bauchkrämpfen auslösen können. Natürlich hat jeder Wissenschaftler, jeder Professor seine internationalen Kontakte und Kooperationspartner auf der ganzen Welt. Einer unserer Wissenschaftler am BRICS, Professor Tinnefeld, hat den sogenannten Starting Grant des European Research Council (ERC) bekommen. Das ist sozusagen eine Art wissenschaftlicher Ritterschlag. Wir haben also sehr gute Leute, die auch international vernetzt sind, und ich denke, das ist die Voraussetzung für effektive Forschung. Keiner forscht für sich allein.

Braunschweig, ein vielseitiger und lebendiger Forschungsstandort mit international bedeutenden Einrichtungen – würden Sie dem zustimmen?

Ja. Ein für alle präsentes Beispiel ist sicher die Atomuhr der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, die in Braunschweig ihren Hauptsitz hat. Aber was die Sichtbarkeit von Forschung betrifft, die Exzellenz und Bekanntheit, das hängt letztlich an einzelnen Wissenschaftlern, die prominent sind – wie zum Beispiel Professor Charpentier vom HZI, die für die Erfindung eines genetischen Werkzeugs gerade weltweit mit Preisen ausgezeichnet wird. Oder Professor Reimers, unser Vizepräsident für Strategie, der wesentlich das DVBT mitentwickelt hat, die Übertragungstechnik für das digitale Fernsehen. Das sind herausragende Wissenschaftler, und ihre Themen man jedem erklären. Aber wir haben auch viele andere gute Wissenschaftler, deren Forschungsthemen vielleicht nicht so leicht vermittelbar sind. Und wir haben eine Vielzahl außeruniversitärer Forschungseinrichtungen – zwei Helmholtz-Zentren, zwei Leibniz-Institute, zwei Fraunhofer-Institute, dazu die bereits erwähnten Bundeseinrichtungen wie PTB, Julius-Kühnen-Institut und Thünen-Institut … ein sehr breites Spektrum, das einen großen Standortvorteil bietet. Ich möchte auch Volkswagen nicht unerwähnt lassen. Durch die Nähe zum Volkswagen Konzern – wir haben ja auch ein Werk in Braunschweig – entsteht eine starke Industrieanbindung im Ingenieurbereich an der TU. Mobilität ist dementsprechend bei uns ein Top-Forschungsthema, und wir haben natürlich auch ein „Autozentrum“, das Niedersächsische Forschungszentrum Fahrzeugtechnik (NFF).

Also: Braunschweig, der ideale Forschungsstandort. Und als Ort zum Leben?

Ich brauche die Großstadt, die Infrastruktur, die Verkehrsanbindung, das Einkaufen – das habe ich hier alles. Andererseits ist Braunschweig überschaubar, ich komme schnell von A nach B, durchaus auch mit dem Fahrrad. Das ist für mich persönlich die goldene Mitte. Sehr wichtig ist für mich das kulturelle Angebot, auch das ist in Braunschweig top. Ich mache gern Musik, da braucht man auch ein gutes Netzwerk, und das habe ich hier. Auch beim vielfältigen Angebot für Kinder und Jugendliche bleiben keine Wünsche offen. Außerdem ist der Harz in 30 Minuten mit dem Auto zu erreichen, ebenso der Elm – das sind für mich ebenfalls wichtige Standortfaktoren. Und, wenn man den Kulturbegriff sehr weit fassen möchte: Die Braunschweiger stehen wirklich in bemerkenswerter Treue zu ihrer Eintracht! Mir selbst sind allerdings die guten Laienorchester vor Ort deutlich wichtiger als der Fußballverein.

Kommen Sie aus Braunschweig oder sind Sie zugezogen?

Zugezogen. Mein Vater hat hier an der TU gearbeitet, ich bin eigentlich Gifhornerin. Braunschweig war also schon immer DIE große Stadt nebenan für mich. Ich habe wenige Jahre nach der Wende in Halle studiert, ganz bewusst in Ostdeutschland, um etwas Neues kennenzulernen. Außerdem habe ich in London studiert, war während meiner Doktorarbeit eine Zeitlang in Cambridge – das war alles toll, aber ich bin auch sehr gerne hier zu Hause. London zum Beispiel ist nicht mit dem Fahrrad beherrschbar (lacht). Die Stadt ist riesig, total hektisch, da müsste man sich eine eigene Mikrowelt aufbauen, um sich wohlzufühlen. Man kann ohnehin nicht das gesamte Angebot einer Metropole nutzen, sondern man beschränkt sich auf die Aktivitäten, die einem wichtig sind. Und dazu habe ich in Braunschweig alles, die ich brauche.

Könnten Sie sich vorstellen, in einer anderen Stadt zu arbeiten?

Natürlich hat man immer die Möglichkeit, sich woanders zu bewerben, wenn man den Wohnort wechseln will, das ist eine aktive Entscheidung. Ich weiß nicht, wie ich in fünf, zehn Jahren darüber denke, aber heute ist Braunschweig für mich, für meine Familie die beste Wahl. Für mich war es wichtig, nach der Schule erst mal rauszukommen, also außerhalb von Niedersachsen zu studieren, auch ins Ausland zu gehen. Anschließend haben mein Mann und ich uns bewusst für Braunschweig entschieden. Durch die zahlreichen Forschungseinrichtungen bietet mir Braunschweig verschiedene berufliche Möglichkeiten. Mittlerweile bin ich nicht mehr in der Forschung selbst aktiv, sondern in der Forschungsorganisation. Das könnte ich allerdings auch woanders machen. Aber inzwischen bin ich wohl echte Braunschweigerin geworden.

Frau Dr. Retter, vielen Dank für das Gespräch.