Tanz für alle

Ein bisschen versteckt, aber sehr idyllisch am östlichen Umflutgraben der Oker liegt das übersichtliche Reich der Tanzsparte des Staatstheaters Braunschweig, bestehend aus einer kleinen Turnhalle sowie einem Pavillon mit Arbeits- und Besprechungsräumen. Hier haben das Leitungsteam und die Compagnie des Hauses beinahe himmlische Ruhe.

Themenspezifische Arbeitsweise

Ketzerisch ließe sich natürlich auch sagen, die abgeschiedene Lage im Theaterpark ist so ruhig, dass die Tänzer immer noch ein bisschen mehr tun müssen als andere, um überhaupt wahrgenommen zu werden. „Ich habe das Gefühl, dass die Leute oft gar nicht wissen, dass es in der Stadt ein Tanztheater gibt. Und dann ist es für sie oft auch noch ‚das Ballett’. Was ich spannend finde, ist, dass es auch manchmal im Haus noch so ist“, sagt Ursina Mathéus, seit 2015 Mitglied der zeitgenössischen Compagnie, und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Dabei trennen uns in der Art und Weise, wie wir künstlerisch arbeiten, mittlerweile schon Welten.“ Da wäre zum Beispiel das themenspezifische Vorgehen, aber auch die dem Braunschweiger Bürger durchaus zugewandte Arbeitsweise.

Die ganze Bandbreite an choreographischen Handschriften

Auf eine klare und deutliche Vermittlung seines narrativen Stils und der weiteren choreografischen Handschriften, die jetzt und zukünftig am Staatstheater gezeigt werden, respektive gezeigt werden sollen, legt Gregor Zöllig – seit Beginn der laufenden Spielzeit Künstlerischer Leiter des Tanztheaters und Chefchoreograf – großen Wert. „Ich möchte meine Kunst nicht erklären, möchte jedoch viele Brücken schaffen, damit man sie verstehen kann. Ich glaube, man kann lernen, Tanz sehr unterschiedlich wahrzunehmen und man kann lernen, eine bestimmte Neugier oder Offenheit zu haben. Das muss natürlich jeder einzelne für sich wollen. Ich bin dafür da, diese Lust anzuregen“, skizziert Zöllig, der seine Tänzerausbildung einst an der Folkwang Musikhochschule in Essen genoss und im Anschluss zwei Jahre an der Ballettakademie der Stuttgarter John Cranko-Schule studierte.

Ursina Mathéus und Georg Zölling wollen das Erbe des Modernen Tanzes in Braunschweig verbreiten. Foto: André Pause

Ursina Mathéus und Georg Zöllig wollen das Erbe des Modernen Tanzes in Braunschweig verbreiten. Foto: André Pause

Wahrung des Tanzerbes

In Braunschweig möchte der gebürtige St. Gallener nach Möglichkeit die ganze Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes und seine Schöpfer zeigen. Dies soll unter anderem geschehen, indem wegweisende Choreografien des 20. Jahrhunderts den Weg zurück auf die Bühne finden. Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, unterstützt Gregor Zöllig seit mehreren Jahren aktiv die Wahrung des deutschen Tanzerbes. Tradition – in Braunschweig mitnichten ein unwesentlicher Faktor – mache ihm überhaupt keine Angst. „Der zeitgenössische Tanz ist ja nichts, dass man nicht verstehen kann, nichts, was bodenlos ist. Auch moderner zeitgenössischer Tanz hat ja eine über hundertjährige Tradition“, betont der Spartenchef. Mit der Rekonstruktion von Susanne Linkes „Ruhr-Ort“ ist die erste Produktion in diesem Kontext am 29. April im Großen Haus zu sehen.

Jeder darf mitmachen

Neu ist im Tanz am Staatstheater Braunschweig neben der verstärkten Bezugnahme auf die Historie, welche sich auch in der Vortrags- und Gesprächsreihe „Tanz im Wort“ manifestiert, das Ausmaß der Teilhabemöglichkeiten für Braunschweiger Tanzfans. „Wir werden das Publikum mit unserer Tanzvermittlung sehr durchmischen. Egal ob ich in Osnabrück war oder in Bielefeld (zwei bisherige Arbeitsstationen): Wir haben immer alles gehabt, waren immer offen für alle“, skizziert Gregor Zöllig. Und der Mann meint es wirklich ernst: „Für mich ist das Wichtigste, dass es keine Bedingungen braucht, um mit uns zu tanzen, außer das man es will und dass man Zeit investiert. Es darf also jeder mitmachen. Unsere Projekte sind intergenerativ, auch inklusiv und sie haben diesen integrativen Bestandteil. Egal ob jemand acht oder 80 ist: Die Gesellschaft kommt zusammen und tanzt miteinander. Wir bringen ihnen bei, sich auf der Bühne richtig zu verhalten, und machen ihnen verständlich, was in unserem Beruf wichtig ist: der Bewegungsgrund, die Aussage sowie eine möglichst feine Bühnenpräsenz mit möglichst viel Geschmack und Ästhetik, Sensibilität.“

Tanz für alle Altersgruppen: Auch für Kinder gibt es Tanzvorführungen. Foto: Volker Beinhorn

Tanz für alle Altersgruppen: Auch für Kinder gibt es Tanzvorführungen. Foto: Volker Beinhorn

Tanz für alle

Für den professionellen Rahmen bei der präzisen Vermittlung qualitativer Level ist die ausgebildete Tänzerin und Wissenschaftlerin Dominika Willinek erste Ansprechpartnerin. Mit ihr – sie besetzt eine von zwei neu geschaffenen Stellen – gibt es seit dieser Spielzeit ein umfangreiches Angebot an Tanzworkshops (Anmeldung: DominikaWillinek@staatstheater-braunschweig.de). Diese beziehen sich konkret auf aktuelle Produktionen der Tanzsparte. Darüber hinaus komme auch die direkte Ansprache im Rahmen des Theaterbesuchs gut an und sei sehr effizient, betont Gregor Zöllig: „Es gab bislang kaum eine Vorstellung ohne eine Einführung, über Dramaturgen oder die Vermittlerin. Wir haben jetzt zehn bis 15 Schulklassen im ersten Stück „Rasender Stillstand“ gehabt. Außerdem finden 90-minütige Workshops in Schulen statt.“

 „Eine schöne Herausforderung“

Nachhaltige Strukturen zu schaffen – das ist das Ziel des künstlerischen Leiters. Dass dies Zeit brauche, dessen sei er sich bewusst. Wie lange? „Bis es sich natürlich anfühlt, das Liquid läuft, die Feinmotorik stimmt, und man versteht, wie eine Stadt wirklich tickt: Drei Jahre würde ich sagen.“ Hinzu komme, dass das Staatstheater mit seinen 500 Mitarbeitern auch erst einmal richtig kennengelernt werden will. „Das ist aber auch eine schöne Herausforderung“, meint Zöllig, der die Rahmenbedingungen sehr zu schätzen weiß: „Ich empfinde das Theater hier als fantastische Möglichkeit zu wachsen, und die Stadt Braunschweig als wunderschön. Dass wir hier an einem Haus sind, an dem der Faust uraufgeführt wurde, und dass zudem eine mehr als 300 Jahre lange Theatertradition hat, das erfüllt mich schon ein bisschen mit Ehrfurcht. Andererseits habe ich aber auch eine freie Spielfläche und mein ganzes Repertoire zur Verfügung, kann also alles neu machen. Ich fühle mich eigentlich sehr privilegiert, dass ich hier ein so großes Ensemble mit 16 Tänzern haben darf, dass ich mir Stücke wie Themen selber wählen und mit Künstlern Ideen umsetzen kann.“

16 Tänzerinnen und Tänzer bilden die Compagnie des Staatstheaters. Foto: Lioba Schöneck

16 Tänzerinnen und Tänzer bilden die Compagnie des Staatstheaters. Foto: Lioba Schöneckc

Abstimmung und Feintuning

Aktuell arbeitet das Team an „Ein Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms (Premiere ist am 19. Februar im Großen Haus). Im Rahmen dieser Produktion werden insgesamt etwa 180 Akteure (!) auf der Bühne stehen: Tänzer, Staatsorchestermusiker und Chormitglieder. Ein solches Massenaufkommen erfordert ein Höchstmaß an Abstimmung zwischen den Sparten – und natürlich ein entsprechendes Feintuning durch den Chef der Tanzsparte. Geprobt wird trotz allem wie immer. „Von 10 bis 11.20 Uhr beginnt das Training, die meisten schaffen es, ein bisschen vorher da zu sein, sich 20 Minuten selbst warm zu machen. Meistens haben wir Balletttraining. Es gibt aber auch Phasen, wo wir moderne Gasttrainer haben. Nach einer Pause proben wir danach bis 14 Uhr sowie von 15 bis 18 beziehungsweise 18 bis 22 Uhr. Wenn Vorstellungen sind, arbeiten wir bis 14 Uhr und gehen dann irgendwann in die Maske“, skizziert Ursina Mathéus den Tänzeralltag.

Ein strammes Programm. „Ich würde mich freuen, wenn wir als Team mit der Kraft, die wir miteinander haben offensiv umgehen können, dass das, was wir tun fokussiert ist auf die Bühne. Und das ist im Ergebnis dann hoffentlich das, was den Braunschweiger packt, seine Neugierde weckt“, wünscht sich Gregor Zöllig für das Braunschweiger Tanztheater.

Text: André Pause
Titelbild: Lioba Schöneck

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