Wie der Blues nach Braunschweig kam

Als „Bluesman from Brunswick“ ist Werner Lindner international bekannt, vor allem in England und Schottland. Sein Markenzeichen, eine „Flaming Strat“, eine Fender Stratocaster mit einem Bluespainting seiner Frau Marita Sterly.

Natürlich spielt Werner Lindner, Gitarrist, Sänger, Komponist und Musiklehrer aus Braunschweig, eine Fender Stratocaster, die bekannteste und beliebteste E-Gitarre der Welt. 1954 wurde sie von Leo Fender geschaffen, bis heute wird sie gebaut. Die Fender von Lindner ist eine ganz besondere: Seine Frau Marita Sterly hat sich vor etlichen Jahren mit einem ihrer „Bluespaintings“ darauf verewigt – die „Flaming Strat“ ist seitdem das Markenzeichen von Werner Lindner und davon leitet sich auch sein Künstlernamen „Flamingstratman“ ab.

Lindner ist im wahrsten Sinne des Wortes ein waschechter Braunschweiger, denn er ist „mit Okerwasser getauft“, wie man hier sagt, in Braunschweig geboren. Die Braunschweiger Wurzeln rühren von seinen Großvätern her, der eine echter Braunschweiger, der andere aus dem Harz stammend. „Eine Großmutter kam aus Essen, und die andere ist wahrscheinlich schon als kleines Kind mit den Webern für die alte Jutespinnerei hierhergekommen.“

Die Braunschweiger Jutespinnerei im Eichtal war die erste des Kontinents, gegründet 1874. Damals stellten immer mehr Handwerksbetriebe auf maschinelle Fertigung um, das Zeitalter der Industrialisierung hatte begonnen. In der Jutespinnerei arbeiteten zeitweise 2.250 Mitarbeitern, davon ein großer Anteil Frauen. An diese Zeit erinnert heute nur noch das denkmalgeschützte Portal der Spinnerei. Dahinter entsteht das „Oker Marina Resort“, eines der vielen Projekte in Braunschweig für das neue urbane Wohnen am Innenstadtrand, hier mit direkter Lage zur Oker.

Auch die musikalischen Wurzeln Lindners liegen in Braunschweig. Schon mit sechs Jahren bekam er Klavierunterricht an der Städtischen Musikschule. Dann sah er im Kino den ersten Beatles-Film und wollte von Stund an nichts sehnlicher als Schlagzeug spielen. Premiere war in der ersten Band seines Bruders. „Die probten damals in seinem Zimmer und spielten mit ihren Gitarren noch über die alten Röhrenradios als Verstärker. Ich Dreikäsehoch habe gewettet, dass ich zu „Please Mr. Postman“ besser trommeln kann als deren Drummer. Wette gewonnen, ich war der neue Mann an der Schießbude.“ Irgendwann gab er dann das Klavierspielen auf zugunsten des Schlagzeugs auf, sehr zum Bedauern seines Musiklehrers. Stattdessen schrammelte er nebenbei fleißig die ersten Akkorde auf der Gitarre, und als sich später die Band seines Bruders auflöste, wurde die Gitarre sein neues Instrument. Das war nach der Bundeswehr, als er anfing, an der TU zu studieren.

Hat es ihn damals nicht woanders hingezogen, weg von Zuhause? „Klar, Hamburg war damals das Mekka der Mukker, wegen der Geschichte mit den Beatles im Starclub und so. Und ich kannte auch ein paar Leute da, aber irgendwie hat es sich nicht ergeben.“ Gleichgesinnte finden, eine Band gründen, einen Proberaum mieten, das war in Braunschweig eben doch leichter. So ist er dann seiner Heimatstadt treugeblieben und hat es bis heute nicht bereut. „Braunschweig hat die richtige Größe, nicht zu groß, nicht zu klein. Und der Freizeitwert ist wirklich enorm hoch. Durch die Musik habe ich ja viele Kontakte ins Ausland. Unsere Freunde aus London, die regelmäßig nach Braunschweig kommen, oder die vielen Bands, die auf ihren Tours hier spielen und bei denen ich oft als Gastgitarrist mitspiele – alle bestätigen mir das immer wieder. Restlos begeistert sind die, wenn ich mit denen am Nachmittag vor dem Gig nochmal ganz entspannt am Strand der Okercabana abhängen kann. How cool is that, we don’t have that at home.“ Die Okercabana ist Braunschweigs erster Beachclub mit 4.000 Quadratmetern Sandstrand an der Oker im idyllischen Bürgerpark.

Werner Lindner bei einem Konzert. Foto: Euan Doneghan

Werner Lindner bei einem Konzert. Foto: Euan Doneghan

Werner „Flamingstratman“ Lindner ist seit Mai 2007 im Namen der Blues Hall of Fame offizieller Botschafter des Blues in Deutschland. Die Blues Hall of Fame ist eine Nonprofit-Organisation aus den USA, die sich über ihre Botschafter in aller Welt der Pflege des Blues als bedeutendem Kulturgut verschrieben haben. Wie kommt man ausgerechnet in Braunschweig zum Blues, Mister „Flamingstratman“? „Der war schon vor mir da, aber das wusste ich damals noch nicht. Als ich anfing in Bands zu spielen, hatten die alle mindestens ein Stück vom ersten Fleetwoood Mac Album im Repertoire – das war damals noch eine reine Bluesband, gegründet vom berühmten Peter Green. Black Magic Woman wurde gern gespielt, bekannt durch die spätere Fassung von Santana. Stundenlange Bluessessions gehörten damals bei jeder Bandprobe dazu. Für mich war das eine neue Welt, aber tatsächlich gab es zu der Zeit schon eine alte lokale Bluesszene, und es gab auch einen Blues Hall of Fame-Botschafter des Blues für Braunschweig, nämlich Bolle.“

„Bolle“ alias Norbert Bolz ist ein Urgestein der Braunschweiger Musikszene. Seine Jazz-Kneipe „Bassgeige“ führt er seit über 35 Jahren, sie gehört damit zu den ältesten Veranstaltungsorten in Sachen Jazz in Deutschland. Selbst der legendäre Frankfurter Jazzclub in der Bockenheimer Straße hat in den 55 Jahren seines Bestehens mindestens fünf mal den Pächter und Veranstalter gewechselt. Braunschweigs „Red Onions“ machten 1977 den Auftakt mit dem ersten Jazzkonzert. Es folgte eine Serie von Blueskonzerten mit legendären Originalen aus der amerikanischen Blues-Szene. Viele waren durch Lippmann & Raus American Folk Blues Festival erstmalig nach Deutschland gekommen, und man konnte dadurch günstige Anschlußkonzerte buchen.

Werner Lindner: „Bolle hat mir gern seine Lieblingsstory erzählt. Als das American Folk Blues Festival das erste Mal in der Stadthalle zu Gast war, haben die ganzen Größen der Bluesmusik vor fast leerem Haus gespielt. Damals kannte sie in Braunschweig noch kaum jemand. Die tauchten dann spät abends plötzlich im Gliesmaroder Turm auf, wo Bolle wieder mal bei einer Bluessession auf der Harp mitspielte. Da jammten dann mal eben so ein Memphis Slim, ein Champion Jack Dupree, ein Louisiana Red und wie sie alle heißen mit. Wow, da wäre ich gern dabei gewesen.

Seitdem gibt es hier so eine gewisse Szene, eine Hand voll Leute, die so was machen, und das finde ich wunderbar, weil mein Herz an dieser Musik hängt. Und als ich mich dann beworben habe bei der Blues Hall of Fame, bin ich der deutsche Botschafter dieser Organisation geworden. Die sind in den USA sehr erfolgreich, da finden regelmäßig Aufnahmefestivitäten statt, wo dann Musiker aufgenommen werden und spielen können. Die Big Names wie B. B. King und Buddy Guy stellen dafür ihre eigenen Bluesclubs kostenlos zur Verfügung und unterstützen so die gute Sache. In Braunschweig habe ich dafür die Barnaby’s Bluesbar von Peter Loris im Magniviertel gewonnen. Peter holt ja seit Jahren jedes Wochende renommierte Bluesmusiker aus aller Welt für Konzerte ins Haus, deshalb ist das Barnaby’s eine würdige Braunschweiger Botschaft der Blues Hall of Fame.“

In seiner Eigenschaft als freier Musiklehrer kennt Werner Lindner die Braunschweiger Amateurmusikszene gut. Die Musikerdichte sei hier erstaunlich hoch, sagt er, und in den vielen Proberäumen seien alle Stilrichtungen und Altersklassen vertreten. „Die Fördermittel fließen nicht mehr so großzügig wie früher, aber dafür hat die Stadt viele Plattformen für Auftritte geschaffen, zum Beispiel die Kulturnacht.“ Und wie ist das Angebot für Kinder, die ein Instrument lernen oder sich damit weiterentwickeln wollen? „Großartig. Ich denke nur an die Städtische Musikschule, wo ich damals nur Klavier lernen durfte und nichts anderes. Heute bieten die zweimal im Jahr ein Probemusizieren an, wo Kinder dann alle möglichen Instrumente ausprobieren können, um ihr Instrument zu finden. Auch die vielen privaten Musikschulen haben zu dieser neuen Offenheit beigetragen.“

Generell beurteilt Lindner die Entwicklung der Stadt positiv. Braunschweig habe es nach der Grenzöffnung nicht leicht gehabt, viele Firmen seien damals abgewandert. Erstaunlich, was sich seitdem getan habe. Auch architektonisch: „Mittlerweile sind auch die letzten Baulücken aus Kriegszeiten elegant geschlossen worden, ich denke an das neue Verlagshaus der Braunschweiger Zeitung in der City oder das neue Steigenberger Parkhotel, ich finde, das fügt sich architektonisch ganz wunderbar in den Bürgerpark ein.“ Auch wenn er wie viele Braunschweiger das gute alte „Freibize“ vermisst, das Freizeit- und Bildungszentrum, das wegen Baufälligkeit dem Steigenberger weichen musste. „So einen Veranstaltungsort mittlerer Größe bräuchten wir wieder, kleine und große haben wir ja reichlich.“

Aber sonst steht Werner „Flamingstratman“ Lindner ganz im Einklang mit seinem Braunschweig. Nicht nur musikalisch.

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