Braunschweiger Erfindergeist

Mehr als 20.000 Patente sind auf Erfinderinnen und Erfinder aus Braunschweig angemeldet, 27 namhafte Forschungseinrichtungen haben sich hier dem Fortschritt verschrieben, und jeder Vierte arbeitet in der Wissenschaft. Dieser Erfindergeist hat Tradition: Die Namen der Braunschweiger Carl Friedrich Gauß, Richard Dedekind, Heinrich Büssing und viele ihrer genialen Ideen besitzen Weltruhm. Aber wer hätte gedacht, dass auch das Digitalfernsehen DVB-T, die GEMA und der deutsche Fußball ihren Ursprung in Braunschweig haben?

Pioniere der Luftfahrt

Das Städtische Museum beheimatet das älteste Original eines Luftfahrzeugs: Die Hülle des Ballons „Ad Astra“, der sich im Januar 1784 in den Braunschweiger Winterhimmel erhob. Herzog Karl II. hatte den Geografen und Biologen Eberhard von Zimmermann und den Apotheker Justus Heyer mit dem Bau beauftragt. Das Ereignis war der früheste dokumentierte Fall staatlicher Förderung der Luftfahrt und der Beginn einer Tradition: Heute beheimatet die Löwenstadt renommierte Einrichtungen wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie einen Forschungsflughafen.

Mit dieser Ballonhülle startete der erste Ballon 1784 in den Braunschweiger Himmel. Foto: Städtisches Museum Braunschweig / Dirk Scherer

Allerdings war die Luftfahrt mit Ballons wie Ad Astra noch unbemannt. Die Braunschweigerin Johanne Wilhelmine Siegmundine Reichard entwickelte mit ihrem Mann, dem Physiker Gottfried Reichard, einen Gasballon, mit dem sie 1810 gemeinsam in die Luft aufstiegen und 30 km weit „flogen“. Schon ein Jahr später folgte ihre erste Alleinfahrt in eine Höhe von über 7.000 Metern. Mit dieser Leistung war die mutige Erfinderin die erste Ballonfahrerin Deutschlands.

Die Mathematiker

Carl Friedrich Gauß (1777-1855), auch bekannt als „Fürst der Mathematiker“, war ein Universalgenie, das heute in einem Atemzug mit Geistesgrößen wie Aristoteles, Humboldt und Einstein genannt wird, und ohne dessen Grundlagenforschung es moderne Alltagstechnologien wie GPS und Google Maps nicht gäbe. Eine seiner zahlreichen Erfindungen revolutionierte auch die Kommunikation: Gauß entwickelte den ersten Telegraphen.

Der Herr der reellen Zahlen: Richard Dedekind definierte die rellen Zahlen erstmals. Foto: BY SA

Richard Dedekind (1831-1916) war ebenfalls Mathematiker, sein beeindruckendes Lebenswerk aber eher theoretischer Natur: Die erste exakte Definition der reellen Zahlen, Dedekind-Ringe, die Dedekindsche η-Funktion und Dedekindsche Summen – ohne seine Grundlagenforschung in der abstrakten Algebra wären viele moderne Berechnungsmethoden nicht möglich. Darüber hinaus zeichnete er sich für den Bau des heutigen Altgebäudes der TU Braunschweig verantwortlich.

Musik und Motoren

Der Braunschweiger Komponist und Mathematiker Hans Sommer (1837-1922) war Schüler Richard Dedekinds. Zusammen mit seinem engen Freund, dem legendären Richard Wagner, gründete er 1903 die Anstalt für musikalisches Aufführungsrecht (AFMA), um sich für den Schutz der wirtschaftlichen Rechte von Komponisten zu engagieren. Die AFMA war die direkte Vorläuferin der GEMA, die heute die Rechte von mehr als zwei Millionen Rechteinhabern weltweit verwaltet.

Fast 250 Patente sind auf Heinrich Büssing (1843-1929) angemeldet. Mit 26 Jahren gründete er sein erstes Unternehmen, eine Firma zur Herstellung von Fahrrädern. Es folgte eine Fabrik für Bahn-Stellwerke. Aber erst im dritten Anlauf gelang Büssing der große Durchbruch: Die von ihm entwickelten Omnibusse und LKW revolutionierten den Straßenverkehr, seine Büssing AG wurde zum Weltmarktführer, ein Produkt sogar zum Londoner Kult: Die Fahrgestelle der roten Doppeldecker-Busse stammten aus Braunschweig.

Durchbruch für Büssing: Mit den Omnibussen gelang im der wirtschaftliche Erfolg.

Der Deutschen liebste Spielzeuge

Jeder kennt sie, kaum einer versteht sie – und sie hat ihren Ursprung in Braunschweig: die Abseitsregel. Wie übrigens der gesamte deutsche Fußball. Der Braunschweiger Lehrer Konrad Koch (1846-1911) gründete die deutschen Schulspiele und führte 1874 nach englischem Vorbild auch das Fußballspiel samt eigenem Regelwerk in Deutschland ein – als pädagogisches Mittel gegen „Stubenhockerthum“ und die Kneipentouren der Oberschüler am Martino-Katharineum.

Der erste druckende Computer der Welt stammte nicht aus dem Silicon Valley sondern aus Braunschweig und hörte auf den klangvollen Namen „Trinks-Arithmotyp“. Der Ingenieur Franz Trinks (1852-1931) hatte bereits die Brunsviga-Rechenmaschinen zum Welterfolg gemacht, bevor er mit einer Eigenkonstruktion technisches Neuland betrat: Sein Arithmotyp konnte mathematische Aufgaben nicht nur schneller lösen als jeder Mensch, sondern die Ergebnisse praktischerweise auch gleich auf Papier ausgeben.

Die erste Rechenmaschine, die auch drucken konnte, stammt aus Braunschweig: Trinks Brunsviga-Rechenmaschine. Foto: Braunschweigisches Landesmuseum / Ziko van Dijk

Von Braunschweig in die Zukunft

Heute ist Braunschweig das Zentrum der forschungsintensivsten Region Europas. Die Aufsehen erregende Kometen-Landemission „Rosetta“ der ESA unter Beteiligung vieler Braunschweiger Wissenschaftler oder der Siegeszug des am Institut für Nachrichtentechnik mitentwickelten Digitalfernsehens DVB-T sind nur zwei von vielen Beispielen. Ob induktiv geladene Elektrobusse, Experimentalflugzeuge oder selbstfahrende Autos – Braunschweiger Erfinder gestalten Tag für Tag praxisorientiert unsere Zukunft.

Doch während sie früher meist auf sich allein gestellt waren, steht die Nachwuchsförderung heute immer mehr im Fokus: Die Start-Up-Szene blüht, Gründerinnen und Gründer treffen sich vielerorts an kreativen Stammtischen, und Initiativen wie borek.digital oder die offene Hightech-Werkstatt Protohaus bieten Technik, Know-how und Kontakt zu Gleichgesinnten und Förderern. So tragen sie dazu bei, Braunschweig zu einem der dynamischsten Wirtschaftsstandorte Deutschlands zu machen.