Braunschweiger Köpfe: Johannes Bugenhagen

Kein echter Braunschweiger, aber eine wichtige Person in der Geschichte der Löwenstadt: Johannes Bugenhagen verfasste eine Kirchenordnung für Braunschweig, die die Reformation in Norddeutschland und Skandinavien prägte. Im Reformationsjubiläum widmen wir eine Folge „Braunschweiger Köpfe“ dem Reformator, der nur kurze Zeit in Braunschweig lebte.

500 Jahre Reformation: In Braunschweig wird das Jubiläumsjahr mit einer Vielzahl von Veranstaltungen gefeiert. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Person Martin Luthers. Doch hinter dem prominenten Reformator stand ein Mann, ohne den der Erfolg der revolutionären Gedanken im Norden Deutschlands so nicht möglich gewesen wäre, und der auch die Entwicklung Braunschweigs maßgeblich prägte. Der Weggefährte Martin Luthers brachte die Reformation in die Löwenstadt, revolutionierte nebenbei das Schulwesen und trug seine humanistischen Ideale von hier aus über Hamburg und Lübeck bis nach Dänemark und Norwegen.

Johannes Bugenhagen porträtiert von Lucas Cranach d. Ä., 1537. Bild: gemeinfrei

Johannes Bugenhagen, später auch Doctor Pomeranus genannt, wurde am 24. Juni 1485 in Wollin im heutigen Polen geboren. Sein Vater war Ratsherr und konnte dem Sohn ab 1502 ein Studium in Greifswald ermöglichen, das Bugenhagen ohne Abschluss beendete und anschließend als Latein- und Bibellehrer, später sogar als Rektor, in Treptow an der Rega arbeitete. Sein geistliches Engagement war so groß – er predigte und legte die Bibel aus –, dass er auch ohne theologisches Studium zum Priester geweiht und 1509 Vikar an der Treptower Marienkirche wurde. In dieser Tätigkeit knüpfte er erste Kontakte zu bedeutenden Humanisten und wurde auf die Schriften des Erasmus von Rotterdam aufmerksam.

1521 aber dann doch, und es sollte schicksalhaft sein: Bugenhagen geht zum Studium der Theologie nach Wittenberg. Seine Skepsis gegenüber den ihm bereits bekannten Schriften Luthers und Melanchthons schwindet im persönlichen Kontakt, die Geistlichen werden enge Vertraute. Später wird Bugenhagen sogar Luthers Beichtvater und 1525 als Wittenberger Pfarrer die Ehe zwischen Luther und Katharina von Bora schließen. Drei Jahre zuvor brach er bereits selbst durch Heirat mit dem Zölibat und bezog damit klar Stellung.

Bugenhagen wurde quasi Luthers Reformator im Außendienst: Von Wittenberg aus zog er nach Westen, und seine erste und wohl wichtigste Anlaufstelle war Braunschweig. Seit 1521 verbreitete der Benediktinermönch Gottschalk Kruse hier bereits die lutherische Lehre und 1526 wurde die erste Messe in deutscher Sprache gehalten. So trat die rebellische Hansestadt im Frühjahr 1528 mit Wittenberg in Verhandlungen, Bugenhagen zu entsenden, um in Braunschweig eine neue Kirchenordnung einzuführen – das Spezialgebiet des Theologen. Kirchenordnungen waren damals maßgeblich für die Regelung des städtischen Zusammenlebens. Sie waren der wichtigste Pfeiler, mit dem die Gedanken der Reformation ihre Umsetzung in die gesellschaftliche Praxis erfahren konnten.

Am 20. Mai 1528 traf Bugenhagen in Braunschweig ein und erhielt noch am selben Abend seine Amtseinführung in der St.-Andreas-Kirche, deren Südturm mit 93 Metern bis heute der höchste Kirchturm der Stadt ist. Am nächsten Tag hielt er seine Antrittsrede in der Brüdernkirche, einem ehemaligen Franziskanerkloster. Der Andrang war so groß, dass nicht alle Zuhörer Platz fanden und viele sich mit einem Ersatzprediger auf dem Vorplatz begnügen mussten.

Die Braunschweiger Kirchenordnung befindet sich im Stadtarchiv. Bild: gemeinfrei

In den folgenden Monaten verfasste Bugenhagen in Zusammenarbeit mit den geistlichen Oberhäuptern, den Gemeinden und dem Rat der Stadt eine neue Kirchenordnung, die am 5. September 1528 beschlossen und von Bugenhagen vom Balkon des Altstadtrathauses verlesen wurde. Das in Niederdeutsch gehaltene Dokument, das sich heute im Braunschweiger Stadtarchiv befindet, schrieb eine Professionalisierung von Predigern bei gleichzeitiger sozialer Absicherung vor. Es regelte die Taufe und Messe in deutscher Sprache und weitere lutherische Reformen wie die Abschaffung des Fronleichnamsfestes. Der Rat der Stadt erhielt Kontrolle über das Kirchwesen und ein Mitspracherecht bei der Besetzung kirchlicher Stellen. Auch im Bereich Bildung und Soziales brachte Bugenhagen den Geist der Aufklärung nach Braunschweig: Schulpflicht, Mädchenschulen und Armenfürsorge.

Am liebsten hätte man Bugenhagen in Braunschweig behalten, doch der Tatendrang zog ihn bereits im Oktober nach Hamburg, um dort sein reformatorisches Schaffen nach Braunschweiger Art fortzusetzen. Nach seinem Weggang entwickelten sich jedoch reaktionäre Kräfte mit Unterstützung des Herzogs Heinrich, sodass Bugenhagen sich gezwungen sah, im Frühjahr 1529 eingreifend zurückzukehren, was ihm auch gelang. Trotz zeitweiliger Rückschläge in den folgenden Jahrzehnten hatten seine Reformen über Jahrhunderte bestand und die Stadtentwicklung bis in die Neuzeit geprägt.

Gedenktafel mit Bronzestatue im Hintergrund. Foto: Stephen Dietl

Weitere Stationen Bugenhagens waren u.a. Lübeck, Pommern und Kopenhagen, von wo aus seine Lehren dank der Freundschaft zum dänischen König Christian III. bis nach Norwegen ausstrahlten. Bugenhagen wurde Professor in Wittenberg, später auch Rektor der Universität Kopenhagen. 1533 erschien unter seiner Leitung in Lübeck die erste niederdeutsche Bibel, bekannt auch als Bugenhagen-Bibel – also noch ein Jahr vor der Ausgabe Luthers. Am 20. April 1558 starb Bugenhagen in Wittenberg an Altersschwäche. In Braunschweig ehrt ihn eine 1970 errichtete Bronzestatue an der Brüdernkirche. Anlässlich des Reformationsjubiläums wurde der Standort am 20. April 2017 durch eine Persönlichkeitstafel ergänzt, die an den Reformator und die wichtige Rolle Braunschweigs für die Ausbreitung der Reformation erinnert.

Mehr über die Reformation in Braunschweig erzählt dieses Video.

Text und Fotos: Stephen Dietl