Die Kunst als Lebensmittel

Ein wenig versteckt liegt er, der hiesige Allgemeine Konsumverein, Hinter Liebfrauen 2. Aus der Innenstadt vom Waisenhausdamm kommend und in Richtung Stobenstraße laufend, heißt es auf etwa halber Strecke: scharf rechts. Wer nun dem kleinen kanalartig angelegten Wasserlauf folgt, landet nach einigen Metern am Altbau des Braunschweiger Künstlerhauses in dessen Erdgeschoss der zweite, der alternative Kunstverein der Stadt beheimatet ist.

Ein wenig versteckt, aber gut ausgeschildert ist der Eingang des Allgemeinen Konsumvereins. Foto: André Pause
Ein wenig versteckt, aber gut ausgeschildert ist der Eingang des Allgemeinen Konsumvereins. Foto: André Pause

Die Geschichte

Seit September 1999 gibt es den Allgemeinen Konsumverein, auch wenn die Idee in Deutschland ungleich älter ist. Exakt ein Jahrhundert zuvor wurde in Kiel der erste Allgemeine Konsumverein gegründet. Mit Kunst hatte dieser freilich nichts am Hut. „Das war ein Verein, der unter Umgehung des Einzelhandels günstig Lebensmittel vermittelte, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts und zwischen den Weltkriegen, als die Leute wenig zu essen hatten, wichtig war. Nach dem Krieg sind daraus Coop und Konsum entstanden“, skizziert Dr. Anne Mueller von der Haegen, die den Allgemeinen Konsumverein Braunschweig in seiner jetzigen Form von Beginn an leitet. Mit der Formulierung von Anspruch und Auftrag des Hauses schließt sich dann gewissermaßen ein Kreis. „Kunst ist Lebensmittel“ lautet der offiziell verwendete, die Dringlichkeit und Notwendigkeit von Kunst vermittelnde Claim.

Leiterin Anne Mueller von der Haegen. Foto: André Pause
Leiterin Anne Mueller von der Haegen. Foto: André Pause

Zwischenräume statt Mainstream

„Das impliziert natürlich, dass hier jeder Zutritt hat. Die Kinder der Nachbarschaft, die äußerst heterogener Herkunft sind und der Direktor des Louvre in gleicher Weise. Es gibt eine Anweisung, dass Kinder bei uns alles erklärt bekommen. Ich finde es wichtig, dass sie, auch wenn sie später nie wieder etwas mit Kunst zu tun haben sollten, diesbezüglich wenigstens einen angstfreien Raum erlebt haben“, findet von Mueller von der Haegen. Der promovierten Kunsthistorikerin ist überhaupt daran gelegen, dass es kleine Räume gibt, wo etwas jenseits der allgegenwärtigen Ökonomisierung aufscheinen kann: „Es existieren eben auch Zwischenräume, und einer davon ist die Kunst.“

Früher Kunstkooperative, heute Konsumverein

Der Mainstream ist unter der Adresse Hinter Liebfrauen 2 schon vor der Gründung des Allgemeinen Konsumvereins nicht unbedingt zu Hause gewesen. „In den 80er Jahren haben Künstler dieses Haus mehr oder weniger besetzt und dann mit Hilfe der Stadt renoviert. Sie bekamen dafür günstige Mieten, erhielten allerdings die Auflage im Parterre eine Art Galerie zu betreiben, so dass der Stadt auf diese Weise etwas zurückgegeben werden konnte“, erinnert sich die Leiterin des kleineren Braunschweiger Kunstvereins. „Eine Kunstkooperative von Studenten der HBK, die sich in den 70er Jahren gründete, ist irgendwann hier reingegangen. Wobei einige der Künstler hier auch Ateliers hatten. Die haben tolle Sachen gemacht. Galerie KK im Fisch hieß das damals, und so ist das immer noch in vielen Köpfen gespeichert.“

Heute umfasst ein Jahresprogramm des Allgemeinen Konsumvereins in der Regel vier längere Ausstellungen. Dazwischen finden Shortcuts oder Performances regionaler Künstler, bis hin zu Ein-Tages-Geschichten statt. Auch werde immer wieder versucht, komplementär neue Reihen zu etablieren. Was allerdings eine Kraftfrage sei, wie Mueller von der Haegen betont. Wie ihre Mitstreiter Hans Wesker (Maler und Klangkünstler), Thomas Bartels (Künstler in den Bereichen Film, Skulptur und Installation), Martina Bothe (Bildhauerin), Martin Sporrer (Architekt), Annette Zimmer (Zahnärztin) und Judith Dilchert (Masterstudentin Kunstvermittlung) agiert sie ehrenamtlich.

Wiebke Bartschs "Big Bird of Depression". Foto: André Pause
Wiebke Bartschs „Big Bird of Depression“. Foto: André Pause

Kunstverein ist nicht gleich Kunstverein

Überhaupt: der finanzielle Background. Auch wenn der Konsumverein seit fünf Jahren eine Kontinuitätsförderung vonseiten der Stadt erhält, die Stiftungen bei Ausstellungen regelmäßig mit im Boot sind, er macht neben der Komponente „bürgerliche Tradition“ den grundlegenden Unterschied zum großen Kunstverein Braunschweig aus. Die aufwendigen Ausstellungen am Lessingplatz hätten für den Konsumverein immerhin den Effekt, dass dieser nicht verpflichtet ist, die ganz großen Namen bringen zu müssen, meint Mueller von der Haegen. „Wir sind ein kleineres Boot, können flitzen, sind sehr viel wendiger, müssen nicht diesen wahnsinnigen Anspruch erfüllen und können daher wirklich das machen, was uns – und hoffentlich auch die anderen – ins Herz trifft. Das muss nicht vom gesamten Feuilleton abgesegnet sein. Wir können entdecken“, beschreibt die Leiterin die Situation.

Experimente mit Klängen und Musik

Ein Bereich, der dem Verein in besonderer Form am Herzen liegt, umfasst die experimentelle Musik sowie die Klangkunst. „Wir sind diejenigen gewesen, die Klangkunst in die Stadt gebracht haben“, sagt Mueller von der Haegen nicht ohne Stolz, muss aber auch ein wenig schmunzeln: „Wir haben gegründet und mit Thomas Kapielski eröffnet, der hier damals gerade Professor wurde. Kurz vor der Eröffnung kriegte er auch noch den Sprengelpreis, was natürlich ganz super war. Trotzdem hat uns seine Installation „Oktoberfest“ einen entsetzlichen Ärger eingebracht. Da gab es Freibier, alles war Blau-Weiß und der Künstler übte mit den immer betrunkener werdenden Braunschweigern bekannte Oktoberfestlieder.“ Was folgte, war ein genereller Streit über den Kunstbegriff sowie ein vierseitiger Beschwerdebrief eines Anwohners an sämtliche Ämter der Stadt.

Bekanntlich haben sich die Wogen geglättet. Dass es an der HBK jetzt einen Lehrstuhl für Klangkunst gibt, sei – so Mueller von der Haegen – „zwar nicht auf unserem Mist gewachsen“, träfe sich aber dennoch gut. Und mit der bislang zweimal gelaufenen Veranstaltung „klangstaetten | stadtklaenge“ (2009 und 2012) habe der Konsumverein immerhin eine weitreichende Diskussion zur Frage des öffentlichen Raums angeschoben.

Mehr zum kleinen Braunschweiger Kunstverein erfahren Sie unter www.konsumverein.de.

Text und Fotos: André Pause.