Mit vielen Ideen dem Fachkräftemangel entgegen wirken

Der Arbeitsmarkt in Deutschland hat sich in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht verändert. Waren es lange Zeit die Ingenieure, Forscher und Wissenschaftler, die um begehrte Arbeitsplätze konkurrierten, lässt sich – unter anderem bedingt durch den demografischen Wandel – mittlerweile in einigen Branchen eine umgekehrte Situation beobachten: Die Betriebe müssen um gut ausgebildete Fachkräfte werben und haben immer häufiger Schwierigkeiten, ihren Bedarf an qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu decken. Im Interview spricht Jörg Meyer, Prokurist der städtischen Wirtschaftsförderung Braunschweig Zukunft GmbH, über den Fachkräftemangel und seine Bedeutung für Braunschweig und die Region.

Jörg Meyer ist Prokurist der Braunschweig Zukunft GmbH und kümmert sich um Standortberatung und Fachkräfte. Foto: Sascha Gramann

Herr Meyer, das Wort Fachkräftemangel prägt mittlerweile viele Debatten über Wirtschaft und Arbeitsmarkt in Deutschland. Inwieweit macht sich der Fachkräftemangel denn schon in Braunschweig bemerkbar?

Für einige Branchen ist der Fachkräftemangel schon jetzt keine Zukunftsmusik mehr, sondern bereits Realität, auch in Braunschweig. Unser Standort ist maßgeblich geprägt durch Forschung und Entwicklung sowie einen starken Mittelstand. Qualifizierte Arbeitsplätze müssen mit gut ausgebildeten Fachkräften besetzt werden und um die herrscht mittlerweile bundesweit ein starker Wettbewerb. Auch Industrie und Handwerk haben immer häufiger Schwierigkeiten, freie Stellen adäquat zu besetzen.

Was kann Braunschweig Ihrer Ansicht nach tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Nun, zunächst einmal ist es ja etwas Positives, dass wir hier gute Stellenangebote haben und die Unternehmen und Forschungseinrichtungen Mitarbeiter einstellen wollen. Es ist aber heute sicher wichtiger denn je, dass sich ein Standort als attraktives Gesamtpaket präsentiert. Früher entschied man sich in der Regel schlichtweg für das beste Jobangebot. Aufstiegschancen, Jahresgehalt – das waren die entscheidenden Kriterien. Beides ist heute zweifelsohne nicht weniger wichtig, aber die Auswahl an solchen Stellen ist für gut ausgebildete Frauen und Männer aufgrund des geringeren Konkurrenzdrucks auf dem Arbeitsmarkt einfach größer geworden. Und dadurch kommen natürlich weitere Kriterien ins Spiel. Was haben die Stadt und die Region zu bieten? Welche Freizeitangebote gibt es? Wie gut ist die Kinderbetreuung? Das Gesamtpaket gibt den Ausschlag. Aus diesem Grund sind wir als Partner bei der Kampagne best choice dabei. Wir unterstützen darüber hinaus aber noch weitere Maßnahmen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Zum Beispiel?

Es gibt in Deutschland seit Jahren den Trend zur Akademisierung. Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich für ein Studium anstelle einer Ausbildung. Nach den ersten Monaten oder Semestern an der Hochschule zweifeln dann einige an dieser Entscheidung und brechen das Studium ab. Mit dem Projekt „Wegbereiter – Perspektiven trotz Studienabbruch“ unterstützen wir gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern Studienabbrecher der vier Hochschulen unserer Region (Technische Universität Braunschweig, Hochschule für Bildende Künste, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Technische Universität Clausthal) dabei, aufbauend auf ihrem Vorwissen alternative Wege einzuschlagen und zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Ziel ist, diese jungen Menschen hier in Braunschweig zu halten.

Sie haben die Probleme des Handwerks erwähnt. Jedes Jahr im Spätsommer liest man, dass viele Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben.    

Ja, das Handwerk leidet gewissermaßen doppelt. Zum demografischen Wandel, der ohnehin allen Branchen zu schaffen macht, kommt der angesprochene Trend zur Akademisierung. Dabei ist es gerade für Handwerksbetriebe wichtig, geeigneten Nachwuchs zu finden, der sich über die betriebliche Ausbildung in die Firma einarbeitet und dann später zu wertvollen Fachkräften wird. Ein Problem ist, dass die Lücken im Bildungsniveau zum Teil weit auseinanderklaffen. Schüler mit guten Abschlüssen gehen meist studieren, während Schulabgänger ohne oder mit einem schlechten Abschluss für viele Betriebe nicht als Auszubildende in Frage kommen. Hier setzt das Projekt „Garantie für Ausbildung“ an, das wir gemeinsam mit der Kreishandwerkerschaft Braunschweig-Gifhorn durchführen. Dabei schließen die Schülerinnen und Schüler mit der Schule, der Kreishandwerkerschaft und der Braunschweig Zukunft GmbH einen Vertrag, der ihnen bei Erreichen bestimmter schulischer Voraussetzungen eine Vermittlung in einen Ausbildungsplatz garantiert. So müssen die Schüler beispielsweise einen Hauptschulabschluss und einen bestimmten Notendurchschnitt erlangen.

Welche Rolle spielt Zuwanderung im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel?

Zuwanderung kann dazu beitragen, dem Mangel an Fachkräften entgegenzuwirken. Als Mitglied im von der Landesregierung geförderten Fachkräftebündnis SüdOstNiedersachsen beteiligt sich die Stadt Braunschweig zum Beispiel am Projekt Welcome Center. Damit hat die Allianz für die Region GmbH eine Anlaufstelle für ausländische Fachkräfte geschaffen, die hier bei uns leben und arbeiten wollen. Gleichzeitig werden Unternehmen beraten und unterstützt, die ausländische Arbeitskräfte einstellen wollen.

Text: Fabian Kappel
Artikelbild: Allianz für die Region GmbH / Roberta Bergmann