Bei den Frech Daxen

Heute bin ich mit Herr Germuth verabredet, er will mir seinen Arbeitsplatz zeigen. Dafür begleite ich ihn in die Gruppe Hellgrün, denn Herr Germuth ist Erzieher im Kinderhaus Frech Daxe, dem Betriebskindergarten der Volkswagen Financial Services AG. Und er ist beileibe nicht der einzige Mann unter vielen Frauen: Während meines kurzen Aufenthalts lerne ich  Erzieher Erzieherinnen, wie Frau Meier, kennen. Alle fünf sind für den Flur der hellgrünen und orangenen Gruppe zuständig, wobei Frau Frau MeierMeier und Herr Germuth die hellgrüne Gruppe betreuen. Die 18 Kinder der altersübergreifenden Gruppe sind zwischen einem und sechs Jahren alt. „Wir sind hier wie in einer Großfamilie“, erklärt mir Herr Germuth, „die älteren Kinder lernen, dass sie Rücksicht auf die jüngeren nehmen müssen. Sie übernehmen auch kleine Aufgaben, zeigen den Jüngsten, wie man sich die Hände wäscht oder erklären, dass am Essenstisch kein Platz für Spielzeug ist.“

Verkleiden, Lesen, Malen – in der hellgrünen Gruppe gibt es für die Kinder immer neue Spielangebote. Foto: BSM
Verkleiden, Lesen, Malen – in der hellgrünen Gruppe gibt es für die Kinder immer neue Spielangebote. Foto: BSM

Während ich mich mit Herr Germuth unterhalte, nehmen die Kinder nur wenig Notiz von mir. Sie sind es gewohnt, dass Erwachsene ihre Gruppe besuchen und außerdem schwer beschäftigt: Am Fensterplatz malen einige Bilder, in der Verkleidungsecke wird ein Mädchen von Älteren als Prinzessin hergerichtet, ein Junge möchte die Fische im Aquarium füttern und draußen auf dem Flur bauen vier Jungs aus Matten ein Flugzeug, das ganz schnell in eine Rutsche umfunktioniert wird. In der Mitte des Gruppenraumes sitzt Frau Meier und liest einigen Zuhörern aus einem Buch vor – auf Englisch.

Wie in jeder Krippen – und Kindergartengruppe gibt es auch in der hellgrünen Gruppe eine deutschsprachige und eine bilinguale MitarbeiterIn. Frau Meier kommuniziert mit den Kindern nur auf Englisch (außer in Gefahrensituationen), liest ihnen englische Bücher vor, hilft beim Füttern der Fische auf Englisch, bastelt, spielt, singt, erzieht. Die Kinder erschließen sich durch Mimik, Gesten und Zusammenhänge den Sinn, lernen also immersiv die neue Sprache kennen. Die meisten sprechen Frau Meier ganz natürlich auf Deutsch an, verstehen aber genauso selbstverständlich die englische Antwort. Herr Germuth erzählt: „Manchmal tue ich so, als habe ich die Antwort von Miss Meyer nicht richtig verstanden und frage die Kinder danach. Die erklären mir dann den Inhalt auf Deutsch. Wenn die Kinder anfangen, auf Englisch zu reden, verbessern wir sie nicht. Wir wollen die Sprachfreude nicht bremsen, wiederholen höchstens den Satz in der korrekten Form.“

Weil Herr Germuth jetzt im Waschraum einige Kinder wickelt, gehe ich hinaus auf den Flur. Genau wie die Waschräume teilen sich immer zwei Gruppen einen Flur. Und weil die orange Gruppe heute Vormittag auf Expedition in den an das Kinderhaus grenzenden Wald gegangen ist, ist es hier verhältnismäßig ruhig und ich kann mich mit den Flugzeugbauern unterhalten. Einer von ihnen, Ben, wird im Sommer eingeschult. Deshalb geht er nach dem Mittagsessen zu den Schlau-Daxen, eine Art Vorschule. Ben freut sich schon auf die Schule, ist aber gleichzeitig ein wenig traurig. Das wäre ich auch, wenn ich dieses Spielparadies verlassen müsste.

Im Flur wird ein Flugzeug gebaut – oder eine Rutsche. Sicher sind sich die angehenden Ingenieure noch nicht. Foto: BSM
Im Flur wird ein Flugzeug gebaut – oder eine Rutsche. Sicher sind sich die angehenden Ingenieure noch nicht. Foto: BSM

Auch Herr Germuth ist dankbar über das vielfältige Spielangebot in der Kindereinrichtung. „Wir vertreten hier im Kinderhaus den Situationsansatz, was bedeutet, dass wir ganz individuell auf die aktuelle Lebenssituation der Kinder eingehen. Außerdem achten wir darauf, dass wir regelmäßig die Gruppenräume umgestalten, damit die Kinder durch die veränderte Umgebung neue Impulse erhalten. Viele unsere Spielangebote sind modular einsetzbar, so wird die Kreativität der Kinder gefördert, wir können die Module aber auch altersgerecht einsetzen. Das gilt nicht nur für die Spielgeräte, allein die vielen Bücher in der Bibliothek sind ein Traum.“

„Es ist wichtig, dass es in der Gruppe bestimmte Regeln und Abläufe gibt“, erklärt er mir auf die Frage, wie ein typischer Kinderhaustag aussieht. „Unsere Gruppe zum Beispiel hat ein rollendes Frühstück, da sitzen nicht alle Kinder zusammen am Tisch. Beim Mittagessen aber schon. Dann sind auch keine Kuscheltiere erlaubt. Nach dem Frühstück gibt es immer den Morgenkreis, in denen die Fertigkeiten der Kinder gefördert werden. Wir basteln gemeinsam oder singen. Danach gehen wir meistens raus aus dem Gruppenraum zum Turnen, in den Musikraum oder in die Werkstatt.“ In regelmäßigen Abständen gibt es die Kinderkonferenz. Da entscheiden die Kinder demokratisch, was sie als nächstes machen und welche Lieder sie als nächstes lernen wollen. Bei der letzten Konferenz wurde zum Beispiel dem Vorschlag von zwei Jungs stattgegeben: Sie wollten Papp-Schneemänner basteln.

Neben den Gruppenräumen, dem Flur und dem Wald stehen den Kindern noch verschiedene Funktionsräume zur Verfügung. Im Kreativraum malen und basteln sie, im Musikraum findet einmal wöchentlich der Kinderchor statt, im Werkraum können sich die Kinder handwerklich betätigen, der Sinnesraum dient als Rückzugsraum für Yogaübungen oder Traumreisen und eine Turnhalle zum Bewegen. Außerdem gibt es noch eine umfangreiche Bibliothek, so dass immer neue Bücher in den Gruppenräumen vorhanden sind.

Gesunder Snack für Zwischendurch. Foto: BSM
Gesunder Snack für Zwischendurch. Foto: BSM

Insgesamt finden im Kinderhaus Frech Daxe 185 Kinder Platz, die sich auf Krippengruppen, altersübergreifende Gruppen und Kindergartengruppen verteilen. Diese verschiedenen Gruppenstrukturen ermöglichen es den Eltern, das geeignete Betreuungsangebot für ihre Kinder zu finden. Grundsätzlich ist das Kinderhaus von 7.00 Uhr bis 20.30 Uhr geöffnet, wobei die Kinder nicht zu lange von den Eltern getrennt sein sollen. „Durch die langen Öffnungszeiten können die Eltern flexibel arbeiten. Was nicht heißt, dass sie Überstunden machen können, wie sie möchten. Die Zeiten für die Kinderbetreuung müssen vorher gebucht werden – auch damit wir Mitarbeiter Planungssicherheit haben. Aber wenn ein alleinerziehendes Elternteil erst nachmittags arbeitet, dann können wir das Kind bis 20.30 Uhr betreuen, und es muss nicht von Babysittern abgeholt werden.“

Die Kinder haben entschieden: Heute gibt es Fischstäbchen mit Kartoffelbrei und Schokopudding. Foto: BSM
Die Kinder haben entschieden: Heute gibt es Fischstäbchen mit Kartoffelbrei und Schokopudding. Foto: BSM

Aus der hellgrünen Gruppe laufen jetzt fünf Kinder zu den Waschbecken zum Händewaschen. Sie wollen heute mal selbst kochen, es gibt Kartoffelbrei, Fischstäbchen und Schokopudding. Das haben sich die Kinder gestern so ausgesucht. „Manchmal kochen wir in den Gruppen auch selbst“, erklärt Herr Germuth. „Die Kinder sollen lernen, wie sich die Zutaten verändern, wie man sie zubereitet. Ich habe immer in der Küche gespielt, als meine Mutter gekocht hat, für mich war es ganz selbstverständlich, dabei zuzugucken. Das wollen wir den Kindern hier auch bieten.“ Für mich ist es Zeit zum Aufbruch. Ein lautes „Tschüüüüß“ hallt durch die Runde, als ich mich verabschiede. So ganz unbemerkt bin ich also doch nicht geblieben.