Wissenschaft im Dienst der Nachhaltigkeit: Das Thünen-Institut in Braunschweig

Man kennt die Begriffe aus den Nachrichten: „EU-Agrarsubventionen“, „Düngemittelverordnung“, „europäische Fischfangquote“, „Kyoto-Protokoll“. Sie erscheinen nicht ohne Grund regelmäßig in den Medien, denn diese Regularien betreffen jeden von uns und beeinflussen Ernährung, Klimaschutz oder Verbraucherpreise. Was viele nicht wissen: Die wissenschaftlichen Grundlagen für zahlreiche nationale und länderübergreifende Richtlinien im Agrar-, Forst- und Klimaschutzbereich kommen unter anderem aus Braunschweig. Das Johann Heinrich von Thünen-Institut – Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei forscht mit rund 600 Mitarbeitern an der Zukunft unserer Felder, Wälder und Meere.

Oberstes Ziel: Der verantwortungsbewusste Umgang mit Ressourcen

6.Dr. Michael Welling leitet die Pressestelle der Thünen-Instituts. Foto: Thünen-Institut/Katja Seifert
Dr. Michael Welling leitet die Pressestelle der Thünen-Instituts.
Foto: Thünen-Institut/Katja Seifert

„Felder, Wälder, Meere – Lebensgrundlagen gestalten“, so lautet das Motto des Thünen-Instituts, das 2008 aus den Bundesforschungsanstalten für Fischerei, für Forst- und Holzwirtschaft sowie für Landwirtschaft hervorgegangen ist. Übergeordnetes Ziel der Forschungsarbeit auf dem weitläufigen Areal im Nordwesten Braunschweigs ist die nachhaltige Nutzung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ als langfristig angelegter und verantwortungsbewusster Umgang mit Ressourcen umfasst drei Kernaspekte, die am Thünen-Institut in ihrer Gesamtwirkung erforscht werden: „Wir betrachten die ökologische, die ökonomische und die soziale Nachhaltigkeit. Die ökologische Nachhaltigkeit ist die bekannteste Komponente, aber umfassende Nachhaltigkeit bedeutet auch Wettbewerbsfähigkeit und die Sicherstellung sozialverträglicher Arbeitsbedingungen“, erläutert Dr. Michael Welling, Pressesprecher des Instituts.

Dreiklang aus Ökonomie, Ökologie und Technologie

3.Europaweit einmalig: Die Face-Versuche (Free Air Carbon Dioxide Enrichment) am TI. Foto: Thünen-Institut
Europaweit einmalig: Die Braunschweiger Face-Versuche (Free Air Carbon Dioxide Enrichment).
Foto: Thünen-Institut

Als Forschungsinstitut des Bundes ist die nach dem Agrarwissenschaftler, Nationalökonomen und Sozialreformer Johann Heinrich von Thünen benannte Einrichtung dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) unterstellt. Als Ressortforschungseinrichtung leistet es Entscheidungshilfe für die Politik der Bundesregierung. Dabei vereint das Thünen-Institut ökologische, ökonomische und technologische Expertise. Das interdisziplinäre Know-how ist weltweit begehrt, die Institutsforschung in vielen Bereichen international führend. Zurzeit läuft ein deutschlandweites Großprojekt zum Kohlenstoff-Speicherpotenzial von landwirtschaftlich genutzten Böden. „Die in organischen Böden festgelegten Kohlenstoffverbindungen stammen größtenteils aus atmosphärischem CO2,  das uns als Treibhausgas Probleme macht. Agrarwirtschaft kann so zum Klimaschutz beitragen“, erklärt Welling. Am Institut für Agrartechnologie werden Plattformchemikalien auf nachhaltiger Grundlage entwickelt, die erdölbasierte Chemikalien langfristig ersetzen sollen. Sechs von insgesamt vierzehn Thünen-Fachinstituten sind am Hauptsitz Braunschweig angesiedelt. Und nicht nur am Standort Braunschweig wird auf Weltniveau geforscht: Das Hamburger Thünen-Institut für Holzforschung entwickelt Methoden, um Art und Herkunft von Importhölzern zweifelsfrei bestimmen zu können, und die drei Thünen-Fischereiforschungsschiffe sind in Nordsee, Ostsee und im Nordatlantik unterwegs.

International vernetzt: Das Thünen-Institut für Betriebswirtschaft

Agrarökonom Dr. Claus Deblitz ist stellvertretender Leiter des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft. Foto: Thünen-Institut/Katja Seifert
Agrarökonom Dr. Claus Deblitz ist stellvertretender Leiter des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft.
Foto: Thünen-Institut/Katja Seifert

Doch zurück nach Braunschweig. Hier sitzt unter anderem das Thünen-Institut für Betriebswirtschaft. Dr. Claus Deblitz ist stellvertretender Institutsleiter und skizziert das Tätigkeitsspektrum seiner Einrichtung: „Im Bereich Politikberatung analysieren wir agrarpolitische Maßnahmen für das BMEL oder die EU-Kommission. Außerdem evaluieren wir die Wirksamkeit von Agrarinvestitionen.“ Ein weiterer wichtiger Forschungsbereich ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Das weltweit einmalige „agri benchmark“, ein globales, vom Thünen-Institut koordiniertes Netzwerk von Agrarexperten, vergleicht Produktionssysteme, Wirtschaftlichkeit und Zukunftsperspektiven der wichtigsten weltweiten Agrargüter und -märkte. Aber warum ist ein deutsches Bundesinstitut eigentlich international tätig? „Weil es heute wichtig ist, ob in China ein Sack Reis umfällt“, antwortet Deblitz mit einem Augenzwinkern und erläutert die ernsten Hintergründe: „Über die Weltmärkte sind wir mehr denn je von Entwicklungen in anderen Teilen der Welt betroffen. Außerdem lassen sich Ziele wie Ernährungssicherheit oder Klimaschutz in einer globalisierten Welt kaum im nationalen Alleingang erreichen.“

Freie Stellen im Bereich Agrarökonomie

Weitere Themen am Thünen-Institut für Betriebswirtschaft sind die Bereiche Veredelung (Schweine- und Geflügelproduktion), die Umsetzung von Tier- und Umweltschutzmaßnahmen in der tierischen Produktion und der Ökolandbau. Wer sich für diese Themen begeistert, hat am Thünen-Standort Braunschweig zurzeit beste Einstiegschancen. „Am Institut für Betriebswirtschaft suchen wir Agrarökonomen bzw. Agribusiness-Absolventinnen und -Absolventen. Wichtig ist, dass die Bewerber sich mit den Grundlagen der betriebswirtschaftlichen Analyse auskennen, aber auch Erfahrung in der agrarökonomischen Forschungspraxis mitbringen“, schildert Deblitz.

Freiraum für eigene Ideen

1.Vom Braunschweiger Thünen-Forum aus werden 14 Fachinstitute in Braunschweig und dem ganzen Bundesgebiet geleitet. Foto: Michael Welling
Vom Braunschweiger Thünen-Forum aus werden 14 Fachinstitute in Braunschweig und dem ganzen Bundesgebiet geleitet. Foto: Michael Welling

Was erwartet die Bewerber am Thünen-Institut? „Das Interessante sind die starken Querverbindungen und der intensive interdisziplinäre Austausch zwischen den vielen Fachrichtungen der einzelnen Institute. Außerdem gibt es sehr viele internationale Betätigungsfelder und viel Freiraum für eigene Ideen“, betont Dr. Michael Welling. Auch Dr. Claus Deblitz schätzt das Thünen-Institut als Arbeitgeber: „Wir sitzen hier nicht in einem Elfenbeinturm, sondern können uns mit wichtigen Themen ganz nah an der Gesellschaft auseinandersetzen. Wir haben ein sehr angenehmes Arbeitsklima und es gibt viele gemeinsame Freizeitaktivitäten. Mit flexiblen Arbeitszeiten und dem Kindergarten auf dem Thünen-Campus gehen wir auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein.“ Deblitz ist bereits seit 20 Jahren hier, sein Job begeistert ihn nach wie vor: „Ich habe viele Freunde, die in der Industrie arbeiten, aber ich sage immer: Den besten Job habe ich am Thünen-Institut.“

Text: Jan Engelken
Titelbild: Routine für die Thünen-Mitarbeiter: Hochpräzise Treibhausgas-Messungen. Foto: Bärbel Tiemeyer